Zusammenfassung: Die femorale Antetorsion, der Winkel zwischen Femurhals- und Knieachse, beträgt vor der Geburt etwa 30–40 Grad und sinkt bis zum Erwachsenenalter auf 10–15 Grad, vor allem in den ersten 8–10 Lebensjahren. Eine erhöhte Antetorsion kann einen Einwärtsgang verursachen, der sich oft spontan zurückbildet. Die Tibiatorsion, die Drehung des Schienbeins um die Längsachse, ist bei Geburt gering oder nach innen gerichtet und entwickelt sich bis zum Erwachsenenalter zu 20–30 Grad Außenrotation. Torsionsdeformitäten entstehen durch pathologische Rotationsstellungen und können Gangbild, Hüft- und Kniefunktion beeinträchtigen. Erhöhte Femurantetorsion führt zu innenrotiertem Gang, Retrotorsion zu außenrotiertem Gang. Das „miserable malalignment“ kombiniert erhöhte Femurantetorsion und Tibiatorsion, was zu Einwärtsstellung der Kniescheiben führt. Folgen sind Knieschmerzen, Patellainstabilität, Hüftimpingement oder Leistenschmerzen. Retrotorsion erhöht das Coxarthroserisiko. Die Diagnostik beginnt mit Gangbildanalyse und Torsionsmessung in Bauchlage, gefolgt von Bildgebung (Röntgen, MRT, CT oder EOS). 3D-Ganganalysen erfassen funktionelle Auswirkungen, wobei Kompensationsmechanismen klinische Befunde verschleiern können. Sportlich aktive Jugendliche mit Torsionsfehlern leiden häufig an Hüft- und Knieschmerzen, Impingements, Labrumschäden und Instabilitäten. Erhöhte Antetorsion steigert das Sturz- und Verletzungsrisiko. An der Hüfte kann Retrotorsion extraartikuläre Impingements verursachen, erhöhte Antetorsion oder hoher McKibbin-Index führen zu ischiofemoralen Impingements. Tiefe Hüftflexion und Ausfallschritte sind oft ungünstig. Am Knie verstärken Valgusfehlstellung und hohe Torsion patellofemorale Überlastung. Hohe Tibiatorsion erhöht die Gelenkbelastung, erhöhte Antetorsion kann das Risiko für Kreuzbandverletzungen steigern. Eine dauerhafte Korrektur ist nur chirurgisch möglich. Operationen erfolgen ab dem 10.Lebensjahr, wenn keine Spontankorrektur mehr zu erwarten ist. Am Femur werden proximale oder diaphysäre Osteotomien mit Platten oder Marknägeln durchgeführt, Letztere sind minimalinvasiver und erlauben frühere Belastung. An der Tibia wird meist eine supramalleoläre Derotationsosteotomie mit winkelstabiler Platte vorgenommen. Rotationsmessungen erfolgen intraoperativ über Drähte, Schrauben oder digitale Geräte. Die Nachbehandlung umfasst 4–6 Wochen Teilbelastung und Metallentfernung nach etwa 12Monaten. Studien zeigen postoperativ Funktionsverbesserung und Schmerzlinderung, jedoch teils bleibende Defizite. Komplikationsraten bei femoralen Derotationsosteotomien liegen bei etwa 7%, Pseudoarthrosen bei knapp 5%, begünstigt durch hohen BMI, geringe Markraumausfüllung und statische Verriegelung. Neue 3D-Methoden und patientenspezifische Schablonen könnten die Korrekturgenauigkeit verbessern.
Summary: Femoral anteversion, defined as the angle between the femoral neck axis and the knee axis, measures approximately 30–40° before birth and decreases to 10–15° by adulthood, predominantly within the first 8–10 years of life. Excessive anteversion may result in in-toeing gait, which frequently resolves spontaneously. Tibial torsion, the rotation of the tibia along its longitudinal axis, is minimal or internally directed at birth and progresses to 20–30° of external rotation in adulthood. Torsional deformities result from pathological rotational alignment and may impair gait as well as hip and knee function. Increased femoral anteversion produces internal rotation of gait, while retroversion causes external rotation. The “miserable malalignment” syndrome combines increased femoral anteversion with tibial torsion, leading to medially oriented patellae. Clinical consequences include anterior knee pain, patellar instability, hip impingement, and groin pain. Retroversion is associated with increased coxarthrosis risk. Diagnostic work-up comprises gait analysis and prone torsion measurement, followed by imaging (radiographs, MRI, CT, or EOS). Three-dimensional gait analysis can quantify functional impairment, although compensatory mechanisms may mask clinical findings. In physically active adolescents, torsional malalignment is frequently associated with hip and knee pain, impingement syndromes, labral pathology, and instability. Excessive anteversion increases fall and injury risk. At the hip, retroversion may cause extra-articular impingement, whereas excessive anteversion or a high McKibbin index can lead to ischiofemoral impingement. Deep hip flexion and lunge-type activities are often detrimental. At the knee, valgus alignment combined with high torsion aggravates patellofemoral overload. High tibial torsion increases joint stress, and excessive anteversion may elevate the risk of anterior cruciate ligament injury.Definitive correction is only achievable surgically. Procedures are indicated from approximately age 10, once spontaneous remodeling is unlikely. Femoral deformities are addressed by proximal or diaphyseal osteotomy, stabilized with plates or intramedullary nails; the latter allow minimally invasive technique and earlier weight bearing. Tibial deformities are most often treated by supramalleolar derotation osteotomy with angular stable plating. Intraoperative rotational assessment is performed using guide wires, screws, or digital measurement devices. Postoperative care typically involves partial weight bearing for 4–6weeks, with hardware removal at approximately 12months.Postoperative studies report significant improvement in pain and function, although residual deficits may persist. Reported complication rates for femoral derotation osteotomy are ~7%, with non-union in ~5%, associated with high BMI, low intramedullary canal fill, and static locking. Emerging 3D techniques and patient-specific cutting guides may further enhance correction accuracy.
Zusammenfassung: Mit einem Anteil von 12% an allen Verletzungen des Schultergürtels machen Instabilitäten des Acromioclaviculargelenkes (ACG) einen wichtigen Stellenwert im klinischen Alltag jeder Kollegin/jedes Kollegen aus. Betroffen sind vor allem junge sportlich aktive Männer mit einem Altersgipfel von 20–40 Jahren, prädestinierte Sportarten sind hierbei insbesondere der Rad- und Bergsport. Neben einer Einteilung in akute und chronische Instabilitäten hat sich die Klassifikation nach Rockwood durchgesetzt, die je nach Grad der Dislokation 6 Typen unterscheidet. Auf Grundlage dieser zeitlichen und anatomischen Einteilungen wird auch das Therapiekonzept erarbeitet. Während bei fehlender oder nur geringer Dislokation im ACG ohne das Vorhandensein einer horizontalen Instabilität (Rockwood Typ 1–3A) das konservative Vorgehen empfohlen wird, ist die operative Stabilisierung ab einem gewissen Dislokationsgrad mit horizontaler Instabilität (Rockwood Typ 3B–6) das Therapieverfahren der Wahl. Die minimalinvasive arthroskopische vertikale ACG-Stabilisierung mittels TightRope und zusätzlicher horizontaler Cerclage hat die Hakenplattenosteosynthese aufgrund sehr guter und zufriedenstellender postoperativer Ergebnisse im klinischen Alltag nahezu komplett abgelöst. Glenohumerale Begleitpathologien können zudem erkannt und therapiert werden. Im Falle einer chronischen Instabilität erfolgt darüber hinaus eine additive autologe Sehnenanlage.
Summary: Accounting for 12% of all shoulder girdle injuries, instabilities of the acromioclavicular joint (ACJ) play an important role in the daily clinical routine of every colleague. Young, athletically active men with an age peak of 20–40 years are mainly affected, with cycling and mountain sports being predominantly affected sports. In addition to a classification into acute and chronic instabilities, the Rockwood classification has become established, differentiating between 6 types depending on the degree of dislocation. The treatment concept is also developed based on these temporal and anatomical classifications. While a non-operative approach is recommended in the absence of dislocation or only slight dislocation in the ACJ without the presence of horizontal instability (Rockwood type 1–3A), surgical stabilization is the treatment of choice from a certain degree of dislocation with horizontal instability (Rockwood type 3B–6). Minimally invasive arthroscopic vertical ACJ stabilization using a TightRope and additional horizontal cerclage has almost completely replaced hook plate osteosynthesis in everyday clinical practice due to very good and satisfactory postoperative results. Glenohumeral concomitant pathologies can also be recognized and treated. In the case of chronic instability, an additional autologous tendon graft is also performed.
Zusammenfassung: Die erfolgreiche Behandlung von Weichteilverletzungen in der Alterstraumatologie erfordert einen individuellen, ganzheitlichen und interdisziplinären Behandlungsansatz, der die speziellen pathophysiologischen Bedingungen des älteren Menschen berücksichtigt. Präventive Maßnahmen sowie die systematische Berücksichtigung der komplexen Einflussfaktoren und eine frühzeitige Intervention sind für den Therapieerfolg von entscheidender Bedeutung zur Reduzierung der Komplikationsrisiken und prolongierten Heilungsverläufen. Nur durch die sorgfältige Beachtung der multidimensionalen Zusammenhänge zwischen körperlichen, kognitiven und sozialen Faktoren kann eine erfolgreiche Behandlung gewährleistet werden. Dieser Artikel untersucht anhand von 4 Fallbeispielen Weichteilverletzungen in der Alterstraumatologie, die häufig auftreten, langsam heilen und einer umfassenden interdisziplinären Behandlungsstrategie bedürfen. Dabei werden verschiedene Therapieansätze vorgestellt, unter besonderer Berücksichtigung der vielfältigen Einflussfaktoren. Ziel dieses Beitrages ist es, einen Überblick über die komplexe Herausforderung in der Versorgung von Weichteilverletzungen bei geriatrischen Patientinnen und Patienten zu vermitteln.
Summary: The successful treatment of soft tissue injuries in geriatric traumatology requires an individual, holistic, and interdisciplinary treatment approach that takes into account the specific pathophysiological conditions of older people. Preventive measures, as well as systematic consideration of the complex influencing factors and early intervention, are of decisive importance for the success of treatment in order to reduce the risk of complications and prolong the healing process. Only by carefully considering the multidimensional relationships between physical, cognitive, and social factors can successful treatment be guaranteed. This article uses 4 case studies to examine soft tissue injuries in geriatric traumatology that occur frequently, heal slowly, and require a comprehensive treatment strategy. Various treatment approaches are presented with special consideration of the many influencing factors. The aim of this article is to provide an overview of the complex challenges in the treatment of soft tissue injuries in geriatric patients.
Zusammenfassung: Hintergrund:Die akute Spondylolyse stellt eine häufige, belastungsinduzierte Pathologie der Lendenwirbelsäule dar. Die Therapie erfolgt in aller Regel konservativ. Neben Belastungsreduktion bzw. -modifikation und physiotherapeutischen Maßnahmen wird im klinischen Alltag, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, eine Korsettbehandlung eingesetzt, um die Chance einer knöchernen Union bzw. Heilung zu erhöhen bzw. die Beschwerden zu lindern.Ziel:Die systematische Übersichtsarbeit untersucht die Wirksamkeit der Korsetttherapie bei Patientinnen und Patienten mit akuter lumbaler Spondylolyse. Endpunkte stellen die Rate der Knochenunion/-heilung, die Rückkehr zum Sport und die Schmerzreduktion dar.Methoden:Es erfolgte eine systematische Literaturrecherche gemäß der PRISMA-Richtlinien in den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science. In der Suche wurden relevante englischsprachige Suchbegriffe zu akuter Spondylolyse, Korsetttherapie und klinischen Outcomes kombiniert. Zwei unabhängige Gutachter führten Screening, Auswahl und Qualitätsbewertung der Studien durch. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien wurde mittels Joanna Briggs Institute (JBI)-Checklisten bewertet. Die Knochenunion wird deskriptiv und differenziert nach Korsetttyp und Stadium dargestellt. Die Angabe der Rückkehr zum Sport erfolgt in Wochen und Monaten, die Bewertung der Schmerzreduktion anhand des skoliosespezifischen SRS-24-Scores.Ergebnisse: Von 564 initial identifizierten Studien wurden 5 Studien mit 218 Pars-Defekten in die Analyse einbezogen (3 retrospektive Fallserien und 2 prospektive Kohortenstudien). Vier Studien untersuchten pädiatrische Patientinnen und Patienten. In durchschnittlich 88% führte die Korsetttherapie über 15 Wochen (3,4 Monate) zu vollständiger Knochenunion. Die Heilungsraten variierten je nach Stadium der Spondylolyse: In geringgradigen Stadien mit isoliertem intramedullärem Ödem lag die Heilung bei 100%, bei vorliegender Fissur betrug die Union im Mittel 91%, bei vollständiger Fraktur 60%. Die Rückkehrrate zum Sport wurde in einer eingeschlossenen Studie, die ausschließlich Ödeme und Fissuren betrachtet, mit 78% nach im Mittel 5Monaten angegeben. In der Gruppe mit starrem Korsett verbesserte sich der mittlere Wert des SRS-Scores von 3,4 auf 4,3; in der Gruppe mit elastischer Stütze von 3,5 auf 4,5. Diskussion und Schlussfolgerungen: Die systematische Übersicht zeigt vielversprechende Ergebnisse der Korsetttherapie als Teil eines konservativen Therapieregimes bei akuter lumbaler Spondylolyse. Insbesondere für gering- bis mittelgradige Stadien der Überlastungsverletzung sind hohe Raten der knöchernen Heilung bzw. Union, der Rückkehr zum Sport und der Schmerzreduktion zu erwarten. Die Aussagekraft der generierten Daten ist jedoch aufgrund von methodischen Limitationen wie heterogenen und nicht-kontrollierten Kollektiven, sowie geringen Stichprobengrößen eingeschränkt. Zur Klärung der Evidenz und des Nutzens der Korsetttherapie in der Versorgung der akuten Spondylolyse sind kontrollierte Längsschnittstudien erforderlich.
Summary: Background: Acute spondylolysis is a common, stress-induced pathology of the lumbar spine in patients. The treatment is primarily conservative. In addition to load reduction, modification and physiotherapeutic measures, brace treatment is often suggested in everyday clinical practice with the aim of reducing pain and achieving bone union.Aim: This systematic review examines the effectiveness of brace therapy in patients with acute spondylolysis regarding rate of bone healing or union, return to sport and pain reduction.Methods: A systematic literature search was conducted according to the PRISMA guidelines in the PubMed, Scopus and Web of Science databases. The search combined relevant English-language search terms on acute spondylolysis, brace therapy and clinical outcomes. Two independent reviewers performed screening, selection and quality assessment of the studies. The methodological quality of the included studies was assessed using Joanna Briggs Institute (JBI)-checklists and subsequently documented in tabular form. Bone healing was recorded as a percentage and differentiated according to brace type and stage. Return to sport was indicated in weeks and months, and pain reduction was assessed using the Scoliosis Research Society-24 (SRS-24)- questionaire.Results: From a total of 564 initially identified studies, 5 studies with 218 pars defects were analyzed (3 retrospective case series and 2 prospective cohort studies). Four studies analyzed pediatric cases. In 88% of treated patients, brace therapy over 15 weeks (3.4 months) led to bone union. The healing rates varied depending on the stage of spondylolysis: in low-grade stages with only intramedullary edema, the bone healing was 100%. In the presence of a fissure it was 91% on average and with a complete fracture only 60% union was achieved. The return to sports rate was reported as 78% within 5 month in one study that includes edema and fissures. In the rigid brace group, the mean SRS-24 score increased from 3.4 to 4.3; in the elastic brace group from 3.5 to 4.5 (SRS-24).Discussion and conclusions: The results of the review confirm the effectiveness of brace therapy as conservative treatment for acute spondylolysis. Especially in the early stages, high rates of bone healing or union, return to sport and pain reduction can be achieved. However, the validity of the analysis is limited due to methodological limitations such as heterogeneous and uncontrolled collectives, small sample sizes and inconsistent definitions. In the future longitudinal studies are needed to clarify the benefits of complementary brace therapy for the optimized care of affected patients.