Übersichtsarbeiten - OUP 02/2017

Epidemiologie, Diagnostik und Klassifikation von Muskelverletzungen

Die Existenz dieser Art der Muskelverletzung/-läsion wird noch immer diskutiert, da die Ursache dieser Störung nicht immer nachweisbar ist. Die Besserung der Beschwerden im Rahmen einer segmentalen Infiltrationstherapie kann ein Hinweis auf das Vorliegen einer solchen Läsion sein. Möglich ist aber auch, dass durch die temporäre Blockade des Nervs durch Lokalanästhetikum der Tonus des Muskels herunterreguliert wird.

Die Ausfallzeit kann vom Muskeltonus abhängig gemacht werden und sollte normalerweise nur wenige Tage dauern.

Typ 2B Muskulär bedingte

neuromuskuläre Muskelläsion,

sog. Muskelzerrung

Aufgrund einer Störung der neuro-muskulären Einheit an der motorischen Endplatte kommt es zu einer Tonuserhöhung der Muskulatur. Die verringerte Elastizität führt bei entsprechender Belastung zu einer Überdehnung des Muskels. Der Sportler verspürt einen krampfartigen Schmerz, der auch durch Dehnen nicht veränderbar ist. Es tastet sich ein spindelförmig verdickter druckdolenter Muskel ohne Muskellücke, da kein Strukturschaden vorliegt. Wie auch bei der Typ-1A-Verletzung ist ein gezerrter Muskel deutlich gefährdet, bei weiterer Belastung einen Strukturschaden zu erleiden. Eine Sportpause ist daher erforderlich, meist ist ein zeitnaher Belastungsaufbau aber wieder möglich.

Typ 3A Muskelfaserriss

(intrafaszikulärer Riss)

Der Muskelfaserriss ist die häufigste muskuläre Strukturverletzung im Fußballsport und betrifft dabei meist das Caput longum des M. biceps femoris distal [9]. In der hier beschriebenen Klassifikation nach Müller-Wohlfahrt handelt es sich dabei um eine Verletzung mehrerer Primär- oder eines Sekundärbündels ohne Verletzung des Perimysium externun [3]. Die maximale Größe dieser Verletzung beträgt 5 mm im Querschnitt, wobei der Übergang zum Muskelbündelriss mitunter fließend ist und gerade im Rahmen der Akutdiagnostik nicht immer sicher definiert werden kann. Insbesondere bei einer stärkeren Einblutung oder Ödembildung wird die Größe der Verletzung eher überschätzt.

Mitunter ist es sogar erst die Länge der Ausfallzeit, welche die Verletzung erst retrospektiv sicher klassifizierbar macht. Je nach Muskelgruppe und in Abhängigkeit von der Erstbehandlung und der folgenden Rehabilitation liegt die zu erwartende Ausfallzeit im Profibereich bei 2–3 Wochen.

Der Sportler verspürt im Rahmen des Verletzungsereignisses einen scharfen stechenden Schmerz und muss die Belastung abbrechen. Der Versuch zu dehnen wird eher unterlassen, da dieser zu einer Schmerzzunahme führt. Es findet sich bei der klinischen Untersuchung ein schmerzhafter verhärteter Muskel mit einem punctum maximum des Schmerzes im Verletzungsbereich. Bei größeren, eher oberflächennahen Faserrissen kann mitunter eine kleine Muskellücke getastet werden.

Typ 3B Muskelbündelriss

(interfaszikulärer Riss)

Der Muskelbündelriss betrifft anatomisch gesehen mindestens 2 Sekundärbündel und weist in der bildgebenden Diagnostik einen Durchmesser von mehr als 5 mm auf.

Klinisch zeigen sich ein druckschmerzhafter Muskel und eine zumeist tastbare Lücke im Verletzungsbereich. Häufig findet sich zudem eine Schwellung und eine Hämatomverfärbung, die mitunter erst Tage nach dem Ereignis zutage tritt.

Der Sportler verspürt einen starken reißenden Schmerz und geht meist spontan zu Boden. Wie oben bereits erwähnt, lässt sich aus eigener Erfahrung sagen, dass solche Verletzungen aber auch weniger symptomatisch verlaufen können, wenn der Muskel z.B. im Rahmen eines Kontusionstraumas mit Einblutung vorgeschädigt war („acute-on-chronic“).

Die Ausfallzeit beträgt meist 6–8 Wochen in Abhängigkeit von Lokalisation und Größe. Gerade bei diesen Verletzungen kann es zu einer deutlichen Einblutung in den Muskel kommen. Dies muss im Rahmen der Bildgebung rechtzeitig erkannt und je nach Ausmaß entsprechend therapiert werden, um Komplikationen wie eine Myositis ossificans zu vermeiden.

Typ 4 (Sub-)totaler Muskelriss,

sehniger Ausriss/Avulsion

Diese Gruppe umfasst die schwersten Muskelverletzungen. Es kommt zu einem (partiellen) Funktionsverlust des Muskels, häufig einhergehend mit einem Spannungsverlust. Klinisch tastet sich eine große Lücke oder es kommt zur Ausbildung eines atypischen Muskelbauchs bei der Kontraktion. Je nach Ausmaß und Lokalisation der Verletzung sowie der Retraktion muss eine mögliche OP-Indikation überprüft werden. Komplette Abrisse und sehnige Ausrisse bedürfen meist der chirurgischen Versorgung, um eine Ausheilung ohne Spannungs- und somit auch Kraftverlust zu gewährleisten. Die Ausfallzeit dieser Verletzung ist aufgrund der unterschiedlichen Verletzung sehr heterogen, beträgt aber zumeist mehrere Monate. So handelt es sich bei den intramuskulären Sehnenrissen (meist M. rectus femoris) und den sehnigen Ausrissen (meist Hamstring und Adduktoren) strenggenommen auch um Sehnen- und nur sekundär um Muskelverletzungen. Diese Verletzungen gehen meist mit Prodromi einher. Nicht selten bestehen bereits seit längerer Zeit Beschwerden im Bereich der späteren Verletzung.

Um den verschiedenen Entitäten von Muskelverletzungen gerecht zu werden, bedarf es einer differenzierten Diagnostik und Therapie, um den Sportler möglichst rasch, aber vor allem mit einer guten Funktion wieder zurück in den Sport zu bringen. Die Rezidiv-Verletzung gilt es zu vermeiden.

Interessenkonflikt: Keine angegeben

Korrespondenzadresse

Dr. med. Henning Ott

Altius Swiss Sportmed Center

Habich-Dietschy-Str. 5a

CH-4310 Rheinfelden

Schweiz

henning.ott@altius.ag

Literatur

1. Ekstrand J, Hägglund M, Waldén M: Injury incidence and injury patterns in professional football: the UEFA injury study. Br J Sports Med. 2011; 45: 553–8

2. Ekstrand J, Healy J, Waldén M, Lee JC, English B, Hägglund M: Hamstring muscle injuries in professional football: the correlation of MRI findings with return to play. Br J Sports Med 2012; 46: 112–117

SEITE: 1 | 2 | 3 | 4 | 5