Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Frakturen des proximalen Humerus im Kindes- und Jugendalter
Korrekturpotential und therapeutische Möglichkeiten

Peter Christian Strohm, Nicholas Beuscher, Jonas Alexander Strohm

Zusammenfassung:
Die proximale Humerusfraktur im Kindes- und Adoleszentenalter ist nicht sehr häufig. Die Diagnostik sollte in der Regel durch Ultraschall in (3 –) 4 Ebenen und einem Röntgenbild in
1 Ebene erfolgen. Aufgrund des hohen Korrekturpotenzials durch die lange und stark wachsende Fuge am proximalen Humerus ist die Therapie in der Regel konservativ, vor allem bis zum
10. Lebensjahr. In der Adoleszenz werden nach der konservativen Therapie überwiegend sehr gute klinische Ergebnisse beobachtet, eine anatomische Re-Modellierung erfolgt aber in zunehmendem Alter nicht mehr zuverlässig. Als operatives Verfahren ist die elastisch stabile intramedulläre Nagelung (ESIN) die Methode der Wahl. Mit dieser Technik kann auch frühfunktionell nachbehandelt werden.

Schlüsselwörter:
Kind, proximale Humerusfraktur, konservative Therapie

Zitierweise:
Strohm PC, Beuscher N, Strohm JA: Frakturen des proximalen Humerus im Kindes- und Jugendalter. Korrekturpotential und therapeutische Möglichkeiten
OUP 2026; 15: 13–16
DOI 10.53180/oup.2026.0013-0016

Summary: Proximal humerus fractures in children and adolescents are not very common. The diagnosis should generally be made using ultrasound in (3 to) 4 planes and an X-ray in 1 plane. Because of the high potential for correction due to the long and rapidly growing plate on the proximal humerus, treatment is usually conservative, above all up to the age of 10. In adolescence, very good clinical results are generally observed after conservative treatment, but anatomical remodelling no longer occurs regularly with increasing age. Elastic stable intramedullary nailing (ESIN) is the surgical procedure of choice. This technique can also be used for early functional follow-up treatment.

Keywords: Child, proximal humerus fracture, conservative treatment

Citation: Strohm PC, Beuscher N, Strohm JA: Fractures of the proximal humerus in children and adolescents. Spontaneous correction potential and therapeutical options
OUP 2026; 15: 13–16. DOI 10.53180/oup.2026.0013-0016

P.C. Strohm, N. Beuscher: Sozialstiftung Bamberg, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Bamberg

P.C. Strohm, J.A. Strohm: Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br., Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Freiburg i. Br.

Die proximalen Humerusfrakturen im Kindes- und Jugendalter haben eine Häufigkeit von ca. 2 % und eine Inzidenz von 6,8/1000 Kinder pro Jahr. Der Altersgipfel liegt bei 10–14, tendenziell tritt die Verletzung bei Mädchen häufiger auf [1–4]. Humerusfrakturen bei Kindern und Jugendlichen machen weniger als 10 % aller Frakturen in diesem Lebensalter aus [4]. Schmittenbecher et al. gaben einen Anteil der proximalen Humerusfrakturen von 8 % aller Frakturen im Kindesalter beziehungsweise 41 % der Oberarmbrüche an [5]. In ihrer epidemiologischen Studie fanden Daag Jacobsen et al., dass 21 % der Humerusfrakturen den proximalen Humerus betreffen [4]. Am häufigsten trat die Verletzung bei Mädchen um das 11. Lebensjahr und bei Jungen um das 12. Lebensjahr auf. Meistens sind die Verletzungen Folge von Sportunfällen; als typischer Unfallmechanismus wird eine Hyperextension mit einer Außenrotation der Schulter beschrieben [1]. Bei Mädchen überwiegen häufig die Reitunfälle, bei Jungen dagegen Wintersport und Unfälle mit Fahrrad oder Moped [4].

Die proximale Wachstumsfuge am Humerus macht ungefähr 80 % des Wachstums am Oberarm aus und hat damit ein sehr hohes Korrekturpotenzial [5, 6]. Damit ist sie mit der Wachstumsfuge am distalen Unterarm die potenteste Fuge. Hochprozentig wachsende Fugen wachsen länger (werden älter) und je näher die Fraktur an der Fuge ist, desto höher ist das Korrekturpotenzial. Der Fugenschluss erfolgt ungefähr zwischen dem 14. und dem 17. Lebensjahr bei Mädchen respektive 16. und 18. Lebensjahr bei Jungen [2].

Die Standarddiagnostik war neben der Inspektion und körperlichen Untersuchung (insbesondere Durchblutung und Neurologie) lange Zeit das Röntgenbild in 1 oder 2 Ebenen [7]. Bei der konventionellen Röntgendiagnostik bestehen Schwierigkeiten in der validen Beurteilung der Achsfehlstellungen und auch in der Reproduzierbarkeit. Bewährt hat sich deshalb am proximalen Humerus auch die Ultraschalldiagnostik in 4 Standardebenen. Hier werden keine Röntgenstrahlen angewendet und in den 4 Standardebenen besteht eine hohe Reproduzierbarkeit, auch Achsabweichungen können sehr gut ausgemessen und kontrolliert werden. Kallus kann früher als mit dem Röntgenbild dargestellt werden. Insofern eignet sich der Ultraschall nicht nur für die Primärdiagnostik, sondern auch hervorragend für Verlaufskontrollen. Für die Primärdiagnostik empfehlen wir weiterhin ergänzend zur Ultraschalldiagnostik ein Röntgenbild in 1 Ebene, insbesondere um pathologische Frakturen (in der Regel gutartige Zys ten) zu erkennen. Auf Röntgenkontrollen im Verlauf (sowohl konservativ als auch operativ) sollte großzügig verzichtet werden, ggf. ist eine Abschlusskontrolle nach circa 4–6 Wochen sinnvoll.

Schmittenbecher gibt in seiner Arbeit an, dass sich Frakturen bis zum 10. Lebensjahr mit einem Achsenfehler von bis zu 60° für Varus-, Ante- und Rekurvation, jedoch nur bis zu 10° Valgus korrigieren. In der S1-Leitlinie in der überarbeiteten Version von 2021 werden folgende Korrekturgrenzen angegeben: für Kinder unter 5 Jahren die Achsabweichung in Varus, Ante- und Rekurvation bis maximal 60°, Dislokation ad latus bis Schaftbreite. Für Kinder im Alter von 5–12 Jahren eine Achsabweichung in Varus, Ante- und Rekurvation bis 40° und Dislokation ad latus bis 2/3 Schaftbreite. Für Jugendliche über 12 Jahren eine Achsabweichung in Varus, Ante- und Rekurvation maximal 30°, Valgus maximal 10° und Dislokation ad latus um 1/2 Schaftbreite.

SEITE: 1 | 2