Übersichtsarbeiten - OUP 07/2019

Hüftendoprothese beim jungen Patienten

Unter Berücksichtigung aller Altersgruppen zeigte das NJR bei primären Hüftendoprothesen und einer Nachuntersuchungsrate von 12 Jahren eine vergleichsweise hohe Revisionsrate von 5 %. Ein systematisches Review über die Überlebensrate von Hüftendoprothesen bei jungen Patienten zeigte eine Revisionsrate zwischen 5 und 20 % [14]. Metcalfe et al. zeigten hingegen bei jungen Patienten im NJR eine 5-Jahres-Überlebensrate von 96 % [44]. Die Gründe können hierin liegen, dass in den vorherigen Studien deutlich mehr Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis enthalten sind [1, 49, 50]. In weiteren Registerstudien zu jüngeren Patienten fand sich zur Überlebensrate kein Zusammenhang zum Operationszugang, zu der Art der Fixation und der Indikation für die Operation, auch fand sich keine erhöhte Revisionsrate bei Rheumapatienten wie es in anderen Studien der Fall war [24, 35].

Solarino et al. publizierten die Ergebnisse von Keramik-Keramik-Gleitpaarungen bei Patienten unter 50 Jahren. Nach einem mittleren Nachuntersuchungszeitraum von 14,9 Jahren fand sich keine Revision wegen Abrieb- und/oder Keramikbruch-Komponenten. Der mittlere Harris-Hip-Score betrug 90 Punkte [56]. Auch Hannouche et al. untersuchten Keramik-Keramik-Gleitpaarungen bei jüngeren Patienten von unter 20 Jahren. Bei einem mittlerem Nachuntersuchungszeitraum von 8,8 Jahren fand sich bei 7 % der Patienten ein asymptomatisches Quietschen. Die 10-Jahres-Überlebensrate betrug 90 %. Die Überlebensrate bei Patienten mit Osteonekrose war nicht anders als bei Patienten mit anderen Diagnosen [23].

Yeaoman et al. verglichen zementierte Azetabulumkomponenten (Exeter Pfanne, Stryker) bei Patienten unter 50 Jahren mit älteren Patienten mit einem Minimum-Nachuntersuchungszeitraum von 5 Jahren. Radiologisch und in der Patientenzufriedenheit fand sich im Oxford-Hip-Score kein signifikanter Unterschied. Die Autoren schlussfolgerten, dass zementierte Azetabulumkomponenten für ältere und jüngere Patienten vergleichbare Ergebnisse erwarten lassen [63].

Warth et al. konnten bei Patienten im Alter von unter 50 Jahren zementierte Charnley-Prothesen mit einem Nachuntersuchungszeitraum von 35 Jahren präsentieren. Zum Zeitpunkt der letzten Nachuntersuchung konnten noch 41 (44 %) Patienten dokumentiert werden. 37 % der Prothesen waren zwischenzeitlich revidiert oder entfernt. Ursache war vor allem die aseptische Lockerung, die zu 22 % das Azetabulum und zu 8 % die femorale Komponente betraf [59].

Streit et al. untersuchten ein unzementiertes Geradschaft-Prothesensystem der zweiten Generation (Press-Fit Fitmore Acetabulum, CLS Spotorno Schaft mit 28 mm Metasul Gleitpaarung oder 28 mm Keramik-Gleitpaarung in Kombination mit einem konventionellem Polyethylen, Zimmer-Biomet). Das mittlere Alter zum Zeitpunkt der Operation betrug 49 Jahre. Die mittlere klinische und radiologische Nachuntersuchungszeit betrug 12 Jahre. Die Kaplan-Meier-Überlebensrate zeigte nach 12 Jahren einen Endpunkt von 94 % [57].

Spezielle Aspekte bei Kurzschaftprothesen für junge Patienten

Femurknochen-sparende Hüftprothesen sind schon mehr als 20 Jahre in Verwendung. Insbesondere für junge Patienten werden sie häufig eingesetzt (Abb. 1) [27]. Nachdem sich die ursprüngliche Euphorie um den Oberflächenersatz gelegt hatte und die oben genannten Probleme mehr als deutlich zutage traten, wurden von jeder Prothesenfirma zunehmend Kurzschaftprothesen entwickelt. Dies soll den Knochenerhalt am proximalen Femur und somit die Knochensituation für weitere Revisionseingriffe verbessern. Darüber hinaus wollte man eine physiologischere Belastung des proximalen Femurs sicherstellen. Das für konventionelle zementfreie Systeme Stress-Shielding mit einem entsprechenden proximalen Knochenabbau soll sich durch die physiologische Krafteinleitung reduzieren. Neben der Reduktion des Knochenverlusts sollen hierdurch die hiermit einhergehenden Oberschenkelschmerzen verhindert werden [32, 58]. Auch sehen die Autoren hier Vorteile für die im späteren Lebensalter doch recht häufig zu findenden Stürze. Die Inzidenz sturzbedingter periprotheischer Frakturen am proximalen Femur könnte sich mit einem reduzierten Stress-Shielding reduzieren.

Bei konventionellen Endoprothesenschäften, aber bei auch bei bestimmten Kurzschaftsystemen zeigten sowohl die präoperativen Planungen als auch die radiologischen Ergebnisse häufig eine nicht adäquate Rekonstruktion des individuellen Femur-Offsets und der Beinlänge [28, 60]. Diese Veränderungen in der postoperativen Hüftgeometrie führen zu einer Reduktion der Weichteilspannung sowie auch zu einer verminderten muskulären Vorspannung. Dieses kann mit einer signifikanten Insuffizienz der Glutealmuskulatur und einer klinisch relevanten Hüftinstabilität einhergehen [3, 43]. Dies ist insbesondere für den jungen, aber auch für ältere Patienten, die hohe Ansprüche an eine gute Funktion haben, ungünstig.

Die standardmäßig verwendete Femurosteotomie zur Implantation einer Hüftprothese führt zu einer sog. Bottom-up-Strategie. Hierbei sind eine standardisierte Osteotomiehöhe und -ausrichtung vorgegeben; die Rekonstruktion der Hüftgeometrie erfolgt durch modularen Aufbau der Femurprothesenkomponenten (z.B. Metha-Prothese, Braun Aesculap) oder durch eine große Anzahl von unterschiedlich geformter Prothesendesigns (z.B. Fitmore Prothese, Zimmer-Biomet) [32]. Bei schenkelhalsteilerhaltenden Prothesen (z.B. Minihip-Prothese, Corin) erfolgt die Rekonstruktion der individuellen Biomechanik über einen anderen Weg. Diese Minihip wurde anhand von präoperativen CT-Daten entwickelt und hatte das Ziel, ein individuelles Resektionsniveau am Schenkelhals zu ermöglichen [30–32]. Dies erlaubt ein Top-down-Konzept. Hierbei wird zunächst das zu rekonstruierende Rotationszentrum des Azetabulums festgelegt. In dieses Rotationszentrum hinein wird das Rotationszentrum des Schafts als schenkelhalsausfüllendes Implantat geplant, womit sich dann die individuelle Osteotomiehöhe für jeden Patienten ergibt. Dadurch sind die individuelle Antetorsion, das femorale Offset, der CCD-Winkel und die Beinlänge gut rekonstruierbar (Abb. 2) [9, 30]. Aus diesen Überlegungen heraus hat sich eine Klassifikation von Kurzschaftprothesen in

  • 1. schenkelhalserhaltend,
  • 2. individuell teilerhaltend und
  • 3. resezierend ergeben [31, 32].

Biomechanik

SEITE: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6