Originalarbeiten - OUP 07-08/2012

Kurzschaft ist nicht gleich Kurzschaft –
Eine Klassifikation der Kurzschaftprothesen
Short stems are different –
A classification of short stem designs

Eine weitere Anpassung an die vorliegende anatomische Situation soll durch einen CCD-Winkel von 132°, verschiedene Kopf- und Halslängen sowie durch 8 verschiedene Größen gewährleistet werden. Bedingt durch die proximale Verankerung bis in den Bereich des Schenkelhalses, nimmt der Prothesenschaft die durch den Schenkelhals vorgegebene Antetorsionsstellung ein [3, 4].

Der Metha-Schaft (Aesculap) ist seit 2004 im Einsatz (Abb. 27). Es handelt sich um einen Knochen-erhaltenden, proximal verankerten, zementfreien Hüftschaft ohne Kragen [5, 6, 7, 8, 9, 10]. Der Titanschaft hat ein 3fach keilförmiges Design (konisches Design in 3 Ebenen). Die konische Form unterstützt die Primärstabilität und die proximale Krafteinleitung.

Die Fitmore-Prothese (Abb. 28) ist eine Schenkelhals-resezierende Prothese, die jedoch auch auf die Rekonstruktion der anatomischen Parameter Wert legt. Während die Nanos- [11] und Minihip-Prothese [12] dieses Ziel bei neuen Prothesengrößen durch eine Patienten-adaptierte Resektionsebene und entsprechende individualisierte Varus-Valgus-Einstellung der Prothesen erreicht, baut die Fitmore-Prothese auf eine standardisierte Resektionsebene (schenkelhalsresezierend) und erreicht die Adaptation an die individuelle Anatomie mit einer höheren Anzahl von Prothesenschäften (N = 56). Die Autoren der Fitmore-Prothesen erkannten auch, dass das Offset unabhängig von der Schaftgröße sein muss und es wurden 3 unterschiedliche mediale Schaftkurvaturen entworfen. Durch das gebogene Schaft-Design ist der Erhalt des Knochens im Bereich des Trochanter major sowie im Bereich der Ansätze der Glutealmuskulatur gut möglich. Die Fixierung erfolgt wie bei den meisten metadiaphysären Kurzschäften über eine 3-Punkt-Fixation in der ap-Ebene und eine Anlage an eine mediale Kurvatur und der lateralen Kortikalis in der ml-Ebene [13].

Wo liegen Unterschiede zwischen den Schaft-Systemen

Ein Vergleich der unterschiedlichen Kurzschaftprothesen hinsichtlich der anatomischen Rekonstruierbarkeit der individuellen Hüftgeometrie (Offset/CCD-Winkel/Beinlänge) zeigt deutliche Unterschiede. Hierbei gilt zu berücksichtigen, dass der mittlere CCD- Winkel bei Patienten, die eine Hüftendoprothese erhalten, etwa 125° und das femurale Offset etwa 35 mm beträgt [1]. Zwar versuchen viele Autoren auf die Relevanz der Schenkelhalsosteotomie für die Biomechanik der Prothese hinzuweisen [11]; bei Prothesensystemen mit CCD-Winkeln von mehr als 130° ist es jedoch kaum möglich, Patienten mit einem CCD-Winkel von 125° anatomisch zu versorgen [14, 15].

Unterschiedliche Autoren zeigten, dass die Reproduzierbarkeit der individuellen Biomechanik mit Kurzschaftendoporthesen sehr differieren [14,12]. In einer eigenen Studie untersuchten wir die Rekonstruierbarkeit von 100 Coxarthrosehüften mit 9 Kurzschaftprothesen [16]. Hierbei wurde evaluiert, in wie viel Prozent der Fälle einer Reproduzierbarkeit des Offsets innerhalb von 2 mm und des CCD-Winkels innerhalb von 2° möglich war. Der CCD-Winkel bei den evaluierten Patienten reichte von 117° bis 149°. Die Ergebnisse variierten zwischen 41% und 92% (Abb. 29).

Auch der detaillierte Vergleich unterschiedlicher Kurzschaftsysteme zeigt Unterschiede im Detail, die sich jedoch erheblich auf die Hüftgeometrie und -biomechanik auswirken. So gibt es beispielweise Systeme, deren Halslänge bei allen Größen gleich bleiben, während diese bei anderen Systemen proportional zur Schaftgröße ansteigen. Dieses führt zu erheblichen Änderungen der Biomechanik bei der Implantation (Abb. 30). Diese Designunterschiede führen auch zu völlig anderen Resektionsebenen.

Die Reduktion des Prothesen-Offsets durch die meisten Hüftprothesendesigns führt zu einer Instabilität der Hüfte, die dann oft durch einen längeren Kopf ausgeglichen wird. Dieses wiederum führt zu einer Beinverlängerung. So berichten Iaguli et al. [17], dass selbst bei erfahrenen Operateuren bei 410 Patienten nach Hüft-TEP eine mittlere Beinverlängerung von 3,9 mm resultierte. Shiramizu et al. [18] berichten über eine mittlere Beinverlängerung von 3,4 mm, eine Verlängerung von mehr als 12 mm in 5% der Fälle und in 7% der Patienten über eine symptomatische Beinverlängerung, die eine Absatzerhöhung notwendig machte. Edeen et al. [19] zeigten, dass 32% der Patienten einen Beinlängenunterschied wahrnahmen. Diese Beinlängenunterschiede sind nicht selten Gegenstand von juristischen Auseinandersetzungen [20,21].

Fazit und klinische Relevanz

Die zurzeit auf dem Markt befindlichen Hüftkurzschäfte unterscheiden sich erheblich und lassen sich differenzieren in Schenkelhals-erhaltende, teilerhaltende und resezierende Systeme. Hierdurch ergeben sich erhebliche Unterschiede in der Indikationsbreite, dem Anwendungsbereich und der OP-Technik. Schenkelhalsresezierende-Systeme erlauben eine Rekonstruktion der patientenspezifischen Biomechanik über die Modularität oder eine große Zahl von Prothesenkonfigurationen. Schenkelhals-erhaltende Systeme sind sehr eingeschränkt in der Indikationsbreite. Schenkelhals-teilerhaltende Systeme benötigen eine angepasste OP-Technik, sind dann jedoch in der Lage, ein erhebliches Spektrum abzudecken.

 

Interessenkonflikt: Der korrespondierende Autor weist auf folgende Beziehung hin: Prof. J. Jerosch ist als Referent tätig für die Firmen Biomet, Corin, Implantcast, Smith & Nephew. Er erhält Beraterhonorare von den Firmen Corin, Implantcast.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Jörg Jerosch

Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin

Johanna-Etienne-Krankenhaus

Am Hasenberg 46

41462 Neuss

E-Mail: j.jerosch@ak-neuss.de

Literatur

1. Jerosch J, Glameyer H. Anatomische Anforderungen an ein Kurzschaft-
system (Mini-Hip). Orthopädische Praxis 2009; 45: 74–81

2. Gulow J, Scholz R, Freiherr von Salis-Soglio G. Short-stemmed endoprotheses in total hip arthroplasty. Orthopäde 2007; 36: 353–359

3. Hagel A, Hein W, Wohlrab D. Experience with the Mayo conservative hip system. Acta Chir Orthop Traumatol Cech 2008; 75: 288–292

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