Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Posttraumatische Ellenbogenfehlstellungen im Kindes- und Jugendalter
Francisco Fernandez Fernandez
Zusammenfassung:
Das Ellenbogengelenk hat eine entscheidende Funktion an der oberen Extremität. Bei posttraumatischen Einschränkungen des Ellenbogengelenkes können die benachbarten Gelenke nur begrenzt kompensieren, sodass es nach in Fehlstellung verheilten Frakturen zu ausgeprägten Einschränkungen des Armes kommen kann.
Bei Kindern zählen Ellenbogenfrakturen mit ca. 10–15 % aller knöchernen Verletzungen zu den häufigsten Frakturen im Wachstumsalter, und nach wie vor stellt der Ellenbogen die komplikationsträchtigste Körperregion des Kindes dar.
Die proximale Humerus-Wachstumsfuge trägt mit ca. 80 % zum Längenwachstum des gesamten Oberarmes bei, damit hat der distale Humerus mit ca. 20 % nur ein sehr begrenztes Spontankorrekturpotential, um Fehlstellungen durch Remodellierung auszugleichen. Die Spontankorrektur kann nur in der Sagittalebene, der Bewegungsebene des Ellenbogengelenkes, stattfinden und dies maximal bis um das 7.–8. Lebensjahr. In der Frontalebene findet keine Spontankorrektur statt. Es wird davon ausgegangen, dass die meisten Fehlstellungen/Komplikationen iatrogen sind und es sich nur in einem deutlich geringeren Anteil um komplexe, unabwendbare und schicksalhafte Wachstumsstörungen handelt, die primär nicht beeinflussbar sind [1].
Die Ursachen für Fehlstellungen sind vielfältig – nicht adäquat eingeschätzte Stabilität, das Belassen von nicht spontan korrigierbaren Stellungen, übersehene Fehlstellung, unvollständige Repositionen und keine ausreichend stabile Osteosynthesen. Die Folgen dieser Komplikationen sind unterschiedlich funktionell wirksam. In Tabelle 1 werden die unterschiedlich auftretenden posttraumatischen Komplikationen aufgeführt.
Das Ellenbogengelenk besteht aus 3 Gelenkpartnern: der Ulna, dem Radiuskopf und dem Humerus. Jeder dieser Gelenkpartner kann eine posttraumatische Fehlstellung entwickeln und dann zu sehr unterschiedlichen Störungen führen.
In dieser Arbeit soll exemplarisch auf die häufigsten Fehlstellungen und Komplikationen eingegangen werden.
Schlüsselwörter:
Posttraumatische Ellenbogendeformität, Kinder, Cubitus varus, Korrektur,
Pseudarthrose Condylus radialis humeri
Zitierweise:
Fernandez FF: Posttraumatische Ellenbogenfehlstellungen im Kindes- und Jugendalter
OUP 2026; 15: 31–37
DOI 10.53180/oup.2026.0031-0037
Summary: The elbow joint plays a crucial role in the upper extremity. In cases of post-traumatic limitations of the elbow joint, the adjacent joints can only compensate to a limited extent. Therefore, fractures that heal in a malposition can lead to significant limitations in arm function.
In children, elbow fractures account for approximately 10–15 % of all bone injuries, making them among the most common fractures during growth, and the elbow remains the most complication-prone body region in children.
The proximal humeral growth plate contributes approximately 80 % to the overall length growth of the upper arm. Consequently, the distal humerus has only a very limited potential for spontaneous correction (approximately 20 %) to compensate for malalignment through remodeling. Spontaneous correction can only occur in the sagittal plane, the plane of motion of the elbow joint, and this is limited to around the age of 7–8 years. No spontaneous correction occurs in the frontal plane. It is assumed that most malalignments or complications are iatrogenic, and only a significantly smaller proportion are complex, unavoidable, and fateful growth disturbances that were primarily beyond our control [1].
The causes of malalignments are manifold – inadequately assessed stability, leaving positions that cannot be spontaneously corrected, overlooked malalignment, incomplete reductions, and insufficiently stable osteosyntheses. The consequences of these complications vary in their functional impact. Table 1 lists the different post-traumatic complications that occur.
Keywords: Post-traumatic elbow deformities, child, cubitus varus, correction, nonunion of the lateral condyle humeral fracture
Citation: Fernandez FF: Post-traumatic elbow deformities in childhood and adolescence
OUP 2026; 15: 31–37. DOI 10.53180/oup.2026.0031-0037
Orthopädische Klinik Olgahospital, Klinikum Stuttgart
Cubitus varus
Der Cubitus varus stellt eine häufige posttraumatische Deformität am kindlichen Ellenbogen dar und gehört bei suprakondylären Frakturen und Condylus radialis-Frakturen zu den häufigsten Komplikationen. Die Angaben in der Literatur über die Häufigkeit dieser Deformität nach suprakondylärer Humerusfraktur sind sehr unterschiedlich, sie werden von 9–67 % angegeben. Aufgrund der Operationsindikationen, der verbesserten operativen Techniken und der Kenntnis dieses Problems ist es zu einem deutlichen Rückgang der Inzidenz des Cubitus varus gekommen [2].
Bei der dreidimensionalen Fehlstellung kommt es zunächst zu Funktionseinschränkungen, dabei ist die Beugung am häufigsten eingeschränkt. Bei jungen Kindern bildet sich dieses Funktionsdefizit unter der Remodellierung meist zurück und es verbleibt die Achsfehlstellung mit zum Teil erheblichen kosmetisch störenden Fehlstellungen [2, 3]. Der Cubitus varus ist eine Fehlstellung in der Frontalebene. In dieser Ebene gibt es so gut wie keine Remodellierung, sodass die Fehlstellung, die im Wesentlichen in den ersten 6–12 Monaten entsteht, verbleibt. Die Akzeptanz dieser Fehlstellung ist unter den Kindern bzw. Jugendlichen sowie deren Eltern sehr unterschiedlich. Häufig hadern die Eltern mit dieser Fehlstellung und haben Befürchtungen bzgl. möglicher Spätschäden. Das Ausmaß der Varisierung reicht von einer leichten Aufhebung der physiologischen Armachse bis zu erheblichen Varusfehlstellungen mit über 40 Grad.
Es werden 3 Ursachen für die Entwicklung einer Varisierung der Armachse diskutiert.
- 1. Die häufigste Ursache mit der Entwicklung eines ausgeprägten Cubitus varus ist eine ulnare Abkippung aufgrund einer Instabilität oder ein Nichterkennen der ulnaren Einstauchung bei suprakondylären Humerusfrakturen [4].
- 2. Eine andere Ursache ist eine stimulative Wachstumsstörung am Condylus radialis. Diese seltenere Ursache zeigt geringere ausgeprägte Deformierungen der Armachse. Die stimulative Wachstumsstörung tritt meist nach Condylus radialis-Frakturen bzw. nach den deutlich selteneren transkondylären Humerusfrakturen auf. Das Ausmaß des radialseitigen Mehrwachstums ist abhängig von der Dauer der Stimulation. Die Stimulation ist wiederum abhängig von der Zeit der knöchernen Konsolidierung. Es scheint, dass je kürzer die Konsolidierungszeit ist, desto geringer die Fehlstellung. Häufig besteht noch ein Valgus der Armachse, der im Vergleich zur Gegenseite mit einem physiologischen Valguswinkel von 5–10 % deutlich geringer ist. Varisierungen nach einem stimulativen radialseitigen Mehrwachstum führen in der Regel nicht zu einem Funktionsdefizit.
- 3. Neben dem stimulativen Effekt auf der radialen Seite, kann es auch zu einer hemmenden Wachstumsstörung auf der ulnaren Seite kommen, mit Entwicklung einer Varisierung der Armachse. Häufig treten diese Wachstumsstörungen nach operativer Versorgung auf. Diese Art von Varisierung kann sich im weiteren Wachstum zurückbilden durch eine Erholung des Condylus, auch treten meist keine Funktionsdefizite auf.
