Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Posttraumatische Ellenbogenfehlstellungen im Kindes- und Jugendalter

Die Entwicklung einer Pseudarthrose muss primär nicht mit Symptomen einhergehen. Lange Zeit kann eine sich entwickelnde Pseudarthrose asymptomatisch sein bzw. zu geringen, bis keinen Beschwerden führen. Auch die Beweglichkeit des Ellenbogengelenkes kann nur sehr gering eingeschränkt sein und die Armachse kann kaum bis gar nicht beeinflusst sein. Das kann dann dazu führen, eine Pseudarthrose operativ nicht anzugehen und zu belassen.

Perspektivisch kommt es zu einer Fehlentwicklung des Ellenbogengelenkes mit insb. einer Inkongruenz der beiden Gelenkpartner (Ulna und distaler Humerus) [8]. Das Condylus radialis-Fragment, welches ein Großteil des humeralen Gelenks darstellt, disloziert und führt zu einer Fehlentwicklung und damit zur Entstehung einer Gelenkinkongruenz (Abb. 3). Aufgrund der Fehlentwicklung einer Humero-ulnaren Gelenkinkongruenz sollte bei Diagnosestellung der Pseudarthrose eine operative Versorgung überdacht werden [8].

Chronische Radiusköpfchenluxation – Chronische Monteggia-Läsion

Die Häufigkeit der chronischen Radiusköpfchenluxation ist nicht bekannt. Viele der Patientinnen und Patienten kommen erst nach Jahren zur Ärztin bzw. zum Arzt und die Dunkelziffer jener Patientinnen und Patienten, die mit veralteten Luxationen die Ärztin bzw. den Arzt nicht aufsuchen, ist unbekannt. Wahrscheinlich handelt es sich bei chronischen Radiusköpfchenluxationen im Kindesalter um stattgehabte Monteggia-Läsionen. Bei den sog. isolierten Radiusköpfchenluxationen kann es sich um eine nicht erkannte Ulnaverletzung im Sinne einer Bowing-Ulna gehandelt haben. Die Monteggia-Läsion ist definiert als eine Fraktur der Ulna mit begleitender Radiusköpfchenluxation. Beim Sturz auf den ausgestreckten Arm kommt es zu einem Bruch oder auch nur Verbiegung der Ulna mit einer Luxation des Radiusköpfchens. Die primär erkannte Monteggia-Fraktur und adäquat versorgte Läsion haben eine sehr gute Prognose für Funktion und weiteres Wachstum. Übersehene bzw. nicht adäquat behandelte Läsionen haben einen bedeutend höheren operativen Aufwand. Da die Ulna in einer Fehlstellung verheilt ist, muss hier eine Ulnaosteotomie mit Verlängerung und Angulation durchgeführt werden [9].

Die funktionellen Ergebnisse sind bedeutend schlechter als bei den primär adäquat versorgten. Auch ist die Gefahr einer Reluxation erhöht. Daher ist die beste Therapie, es erst gar nicht zu einer chronischen Radiusköpfchenluxation kommen zu lassen. Bei jeder akuten Radiusköpfchenluxation sollte der ganze Unterarm geröntgt werden und bei Ulnafrakturen ist die Stellung des Radiusköpfchens in allen Ebenen zu beurteilen. Dabei muss das Radiusköpfchen immer auf das Capitulum humeri zentriert sein (Abb. 4).

Chronische Radiusköpfchenluxationen können zu folgenden Einschränkungen und Beschwerden führen [9, 10]:

Zunahme der Dislokation im Ellenbogengelenk durch asymmetrisches Wachstum der Unterarmknochen (Abb. 4)

Funktionseinschränkung der Sup- und Pronation

Belastungsabhängige Schmerzen am Ellenbogen und eventuell auch am Handgelenk

Entwicklung eines Cubitus valgus

Bei der Indikation zur operativen Korrektur müssen verschiedene Faktoren in Betracht gezogen werden [9, 10]: Luxationsdauer (je länger, desto schlechter sind die Prognosen).

Verschlechterung der Ellenbogenbeweglichkeit

Verschlechterung der Unterarmumwendbewegung

Irritation des N. ulnaris

Inkonkruente Gelenke, Verlust der Konkavität des Radioulnargelenks

Je länger die Luxation, desto deformierter ist das Radiusköpfchen

Je älter das Kind und je länger die Dislokation, desto vorsichtiger sollte die Indikation zur Operation gestellt werden

Die operative Rekonstruktion des Radiohumeralgelenks erfordert eine hohe Erfahrung der Chirurgin bzw. des Chirurgen

Aufgrund der Komplexität dieser Fehlstellung müssen alle Faktoren berücksichtigt werden. Jeder Fall muss individuell evaluiert werden und nicht alle Fehlstellungen müssen operiert werden. Die Einstellung des Radiusköpfchens, d.h. die Reposition, führt so gut wie immer über eine Ulnakorrekturosteotomie. Hier können verschiedene Techniken eingesetzt werden, in Abhängigkeit von den posttraumatischen Fehlentwicklungen um das Ellenbogengelenk. Die angulierende und verlängernde Ulnaosteotomie kann dann akut über eine Plattenosteosynthese, einen unilateralen Fixateur externe oder einen Ringfixateur wie den TSF kontinuierlich durchgeführt werden (Abb. 4).

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Francisco F. Fernandez

Orthopädische Klinik Olgahospital

Klinikum Stuttgart

Kriegsbergstr. 62

70174 Stuttgart,

f.fernandez@klinikum-stuttgart.de

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