Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Grenzindikationen der Trochleaplastik
Manfred Nelitz
Zusammenfassung:
Die vertiefende Trochleaplastik stellt ein Standardverfahren in der Behandlung der patellofemoralen Instabilität mit guten klinischen Ergebnissen dar. Offene Wachstumsfugen am distalen Femur mit der potenziellen Gefahr des Auftretens von Wachstumsstörungen durch Verletzung der ventralen Fugenanteile limitieren den Einsatz im Kindes- und Jugendalter. Bei sorgfältiger präoperativer Evaluation kann jedoch bereits bei Jugendlichen mit noch offenen Wachstumsfugen nach erfolgtem pubertärem Wachstumsschub die operative Korrektur mit gutem Erfolg sicher durchgeführt werden. Gleichzeitig stellen höhergradige Knorpelschäden an der Trochlea femoris eine technische Herausforderung dar und werden deshalb häufig als Kontraindikation gesehen. Liegen bereits fortgeschrittene Knorpelläsionen vor, muss die Indikation zur Trochleaplastik kritisch geprüft werden, aber auch in diesen Fällen sind noch gute klinische Ergebnisse möglich.
Schlüsselwörter:
Patellaluxation, patellofemorale Instabilität, Trochleadysplasie, Trochleaplastik, offene Wachstumsfugen, Chondromalazie
Zitierweise:
Nelitz M: Grenzindikationen der Trochleaplastik
OUP 2026; 15: 135–138
DOI 10.53180/oup.2026.0135-0138
Abstract: Trochlear dysplasia is the most important risk factor for patellofemoral instability. Deepening trochleoplasty is a surgical procedure, which is able to reshape the dysplastic femoral trochlea in patients with patellofemoral instability. The ideal indication for trochleoplasty is documented patellofemoral instability and high-grade trochlear dysplasia. For adolescent patients with open distal femoral physis trochleoplasty can be safely performed up to 2 years before the projected end of growth with good clinical results without redislocation and with no growth disturbance. In addition even in the presence of degenerative changes of the patellofemoral joint for selected patients trochleoplasty shows acceptable clinical results. In conclusion neither open physes nor the presence of degenerative changes are strict contraindications.
Keywords: Patellar dislocation, patellofemoral instability, trochlear dysplasia, trochleoplasty, open growth plates, chondromalacia
Citation: Nelitz M: Border indications of trochleoplasty
OUP 2026; 15: 135–138. DOI 10.53180/oup.2026.0135-0138
MVZ Oberstdorf, Klinikverbund Kempten-Oberallgäu, Akademische Lehrkrankenhäuser der Universität Ulm
Einleitung
Die Trochleadysplasie stellt den wichtigsten Risikofaktor für das Auftreten einer patellofemoralen Instabilität dar [1, 8, 12, 22, 24]. Dejour et al. [8] zeigten, dass bei 96 % aller Patientinnen und Patienten mit rezidivierenden Patellaluxationen eine Dysplasie der Trochlea femoris nachweisbar ist. Die einzige kausale Therapie der Patellainstabilität bei hochgradiger Trochleadysplasie ist deshalb die operative Normalisierung der Gleitrinne. Die vertiefende Trochleaplastik stellt mittlerweile ein Standardverfahren in der Behandlung der patellofemoralen Instabilität dar [3, 9, 20]. Die Indikation besteht bei nachgewiesener patellofemoraler Instabilität mit rezidivierenden Luxationen der Patella und Vorliegen einer hochgradigen Trochleadysplasie mit konvexer Eingangsebene.
In der Literatur finden sich mehrere Follow-up-Studien von Knoch et al. [25], Utting et al. [23], Blønd et al. [4], Nelitz et al. [16], McNamara [14] sowie Metcalfe et al. [15] und Hiemstra [11] mit guten klinischen Ergebnissen und hoher Patientenzufriedenheit.
Offene Wachstumsfugen am distalen Femur mit der potenziellen Gefahr des Auftretens von Wachstumsstörungen durch Verletzung der ventralen Fugenanteile limitieren den Einsatz im Kindes- und Jugendalter und wurden von vielen Autorinnen und Autoren als Kontraindikation gesehen.
Gleichzeitig stellen höhergradige Knorpelschäden (Grad III–IV ICRS) an der Trochlea femoris eine technische Herausforderung dar und werden deshalb häufig als Kontraindikation gesehen. Leider werden bereits bei jungen Erwachsenen mit Patellainstabilität schwere Knorpelveränderungen gesehen.
Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit die Indikation zur Trochleaplastik erweitert werden kann.
Trochleaplastik bei offenen Wachstumsfugen
Das Vorliegen einer Trochleadysplasie ist auch beim noch wachsenden Skelett der wichtigste Risikofaktor einer patellofemoralen Instabilität [8, 12]. Eine alleinige weichteilige Stabilisierung ist bei Vorliegen einer schweren Trochleadysplasie auch bei Kindern meist nicht erfolgversprechend. Lediglich bei Kindern bis zu einem Alter von maximal 8–9 Jahren kann es möglicherweise durch eine weichteilige Rezentrierung der Patella zu einem Remodelling der dysplastischen Trochlea kommen. Liegt eine schwere Trochleadysplasie mit konvexer Eingangsebene und proximalem bump vor (high-grade Dysplasie), ist deshalb auch bei Jugendlichen die Notwendigkeit einer Trochleaplastik zu prüfen [6, 7, 12, 18, 19]. Da die operative Korrektur einer schweren Dysplasie der Trochlea femoris grundsätzlich mit der Gefahr einer möglichen Verletzung der distalen femoralen Fuge verbunden ist, wurde eine Trochleaplastik erst nach Verschluss der Wachstumsfugen im späteren Jugendalter empfohlen. Eigene Untersuchungen konnten jedoch zeigen, dass die vertiefende Trochleaplastik bereits vor Wachstumsabschluss ohne Risiko einer Wachstumsstörung erfolgen kann [18]. Voraussetzung ist die Beendigung des Wachstumsschubes, was bei Mädchen mit Beginn der Menarche erreicht ist. Dies ermöglicht eine deutlich frühzeitigere kausale Therapie des Hauptrisikofaktors Trochleadysplasie. Da bei Jugendlichen meist noch keine Sekundärschäden am patellofemoralen Gelenk vorliegen, sollte die Trochleaplastik bei entsprechender Indikation deshalb so früh wie technisch möglich und sicher erfolgen [6, 18]. Mehrere Studien belegen die guten klinischen Ergebnisse der Trochleaplastik ohne Reluxation der Patella [6, 18]. Vom Autor wurden mittlerweile zwischen 2012 und 2025 bei 156 Patientinnen und Patienten mit offenen Wachstumsfugen eine Trochleaplastik durchgeführt (Abb. 1). Bei keiner Patientin bzw. keinem Patienten kam es dabei zu Wachstumsstörungen der distalen femoralen Wachstumsfuge. Für jüngere Patientinnen und Patienten vor Beendigung des Wachstumsschubes (mehr als 2 Jahre vor Wachstumsende) liegen keine Untersuchungen vor, eine Trochleaplastik kann deshalb für diese Patientinnen und Patienten nicht empfohlen werden.
