Übersichtsarbeiten - OUP 12/2014

20 Jahre kombiniert orthopädisch-trainingswissenschaftlich validierte Rückenschmerz-Analyse und -Therapie unter den Bedingungen einer orthopädischen Praxis

Zu diesem Thema stellt Bente Klarlund Pedersen [23] die Wichtigkeit der Botenstoffe heraus, welche durch muskuläre Bewegung freigesetzt werden, und sie teilt diesen Polypeptiden aufgrund ihrer besonderen Stellung in der Kommunikation zwischen dem Nervensystem, dem endokrinen System (dessen Teil die Muskeln in diesem Falle sind) sowie dem Immunsystem den eigenen Titel Myokine zu. Die in der Literatur beste Darstellung findet sich in der GEO-Ausgabe Juli 2009 [28] zusammengefasst und illustriert (Abb. 2).

Auf der molekularen Basis scheint auch ein weiteres Thema interessant, welches den Einfluss von Bewegung auf die Gesundheit des Menschen diskutiert. In der Epigenetik werden Einflussfaktoren auf die Methylierung von DNA-Abschnitten diskutiert, welche eine Änderung der Translation bestimmter Gene verhindert. Neben der Meidung schädlicher Substanzen und einer gesunden Ernährung ist ein Haupteinflussfaktor die Bewegung.

Die Arbeit einer Gruppe um Juleen Zierath am Karolinska-Institut, Stockholm, zeigt, dass schon kurzes Training Änderungen an der DNA verursachen kann. Auch wenn dieser Effekt nicht dauerhaft anhält, bietet sich hier ein weiterer Ansatz dafür, warum regelmäßiger Sport das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf- und andere Erkrankungen senken könnte [3].

Gezieltes Training der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur – Das FPZ-Konzept (im Rahmen
eines multimodalen Konzepts)

Eine aktivierende Maßnahme zum Training der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur von Rückenschmerzpatienten ist das FPZ-Konzept, welches zu Beginn der 1990er Jahre an der Sporthochschule Köln entwickelt wurde [1, 2]. Diese Integrierte Funktionelle Rückenschmerztherapie wird heute in weit über 200 Rückenzentren in ganz Deutschland durchgeführt und von einer Vielzahl von gesetzlichen und privaten Krankenkassen gefördert. Bei einer großen Zahl von Krankenkassen wird das FPZ-Konzept im Rahmen einer Integrierten Versorgung (Selektivvertrag) angeboten, in der Haus- und Fachärzte sowie Schmerztherapeuten an Diagnostik und Behandlung der Patienten beteiligt sind. Das Programm setzt sich dabei aus einem diagnostischen Teil, einem Aufbauprogramm und – sofern gewünscht und nötig – aus der weiterführenden Prävention zusammen. Die Diagnostik obliegt dabei zunächst einem Arzt, der den Patienten als geeignet für das Training befindet [30] und dessen Behandlung leitet [32] sowie im Weiteren dem FPZ-Therapeuten, der eine Eingangsanalyse mit dem Patienten durchführt. Diese beinhaltet Beweglichkeitsmessungen der Wirbelsäule, Maximalkraftmessungen der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur, die Berechnung von Dysbalancen und optional die Ermittlung der Leistungsfähigkeit des M. erector spinae, deren Werte anschließend mit einer Referenzdatenbank verglichen werden (Vergleichsgruppe: untrainierte, beschwerdefreie Personen). Anhand dieser Vergleiche wird der Patient eingestuft und es wird eine individuelle Therapie erstellt. Diese besteht aus einem Aufbauprogramm mit 10 oder 24 Trainingseinheiten, welche an speziell entwickelten und validierten Geräten durchgeführt werden.

Die Abläufe erfolgen im Gesamtrahmen eines orthopädischen/schmerztherapeutischen/multimodalen ambulanten Gesamtkonzepts, das früher schon dargestellt wurde [30, 31, 32]. Es beinhaltet alle gängigen evidenzbasierten kassenmedizinischen Möglichkeiten, die individualisiert eingesetzt werden. Dabei gelten definierte Grundlagen für ein letztlich entscheidendes qualitativ hochwertiges Training: Es findet eine 1:3-Betreuung (maximal!) durch einen speziell geschulten Therapeuten statt, die Maximalkraftübungen werden bis zum konzentrischen Versagen der Muskulatur unter Einhaltung ausreichender Erholungsphasen durchgeführt. Neben diesem Training an hochspezifischen Geräten finden Übungen aus dem Repertoire der Krankengymnastik, Dehnungs- und Lagerungsübungen sowie Hinweise zum rückengerechten Verhalten statt. Das persönliche Gespräch und der ständige Kontakt der Therapeuten mit den Patienten stellt eine weitere Dimension dar (nicht nur in „rein somatischer, sondern auch psychischer Hinsicht“). Eine Abschlussanalyse hält den Erfolg der Therapie fest. Während der Analysen kommen neben den beschriebenen Messungen auch diverse Fragebögen zum Einsatz, um den Status des Patienten weiter abzuklären. Eine weiterführende Prävention wird abschließend empfohlen.

Die hier beschriebene hochgradige Wichtigkeit von Bewegung und psychophysischer Kraft definiert gleichsam das Ziel der vorliegenden Untersuchung. Dieses soll sein, die Ergebnisse aus 20 Jahren gerätegestützter Rückenschmerztherapie bzw. effizienter muskulärer Rehabilitation im ambulant-multimodalen Gesamtrahmen (also mit integrierter funktioneller Rückenschmerztherapie, FPZ-Konzept) bei Patienten einer orthopädischen Praxis in den Kontext der Notwendigkeit von Bewegung und Muskelaktivität zu bringen. Dabei sollen Grundvoraussetzungen der teilnehmenden Patienten und ihre Veränderung im physiologischen und psychischen Zustand beleuchtet werden.

Material und Methode

Anhand von Daten, die in einer orthopädischen Praxis mit angeschlossenem FPZ-Rückenzentrum über den Verlauf von 20 Jahren gesammelt wurden (1994–2014), fand die Analyse der Grundvoraussetzungen statt, mit denen Patienten in das FPZ-Konzept starten. Zusätzlich wurde das Outcome der Therapie an unterschiedlichen Parametern untersucht. Die Betrachtung der Daten erfolgte retrospektiv. Statistische Auswertungen (Gruppenvergleiche, Veränderungen) wurden mit IBM SPSS Statistics (Version 19) durchgeführt. Hierbei fanden ausschließlich nichtparametrische Tests Anwendung.

Als Fragebögen, welche bei Eingangs- und Abschlussuntersuchung befragt wurden, kamen neben standardisierten Befragungen jedes FPZ-Rückenschmerzpatienten auch Fragebögen zur Kosten-Nutzen-Analyse des Programms, zum Angstvermeidungsverhalten und zur Kontrollüberzeugung Rückenschmerz, zum HKF R10 sowie eine Befragung zur Patientenzufriedenheit (nur Abschlussanalyse) zum Einsatz. Details zu den Fragebögen sind im entsprechenden Teil der Ergebnisse beschrieben, um eine bessere Übersichtlichkeit herzustellen.

Ergebnisse

In der untersuchten orthopädischen Praxis wurden im Zeitraum September 1994 bis Februar 2014, also über 20 Jahre hinweg, 4684 Rücken-Patienten aus dem herkömmlichen orthopädischen Diagnose- und Behandlungsgang heraus indikationsgerecht einer FPZ-Konzept-Eingangsanalyse zugeführt. Funktionell auffällig waren davon 97,7 % der Patienten, 45,7 % sind in eines der Aufbauprogramme im Rahmen des FPZ-Konzepts aufgenommen worden bzw. haben sich dazu bereit erklärt (10 oder 24 Trainingseinheiten; A10 oder A24). Die orthopädische Vordiagnostik (mit orthopädischer Vorbehandlung/Schmerztherapie) der trainierten Patienten wies besonders häufig Bandscheibenschäden/Osteochondrosen und Prolapse (HWS- und LWS-Syndrome) auf (also im Sinne des großen Formenkreises der „degenerativen Veränderungen“) und eben fast ausschließlich charakteristisch verbunden mit muskulären Insuffizienzen. Die Drop-out-Rate in der Therapie stellte sich mit 1,9 % sehr gering dar (Abb. 3).

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