Übersichtsarbeiten - OUP 12/2014

20 Jahre kombiniert orthopädisch-trainingswissenschaftlich validierte Rückenschmerz-Analyse und -Therapie unter den Bedingungen einer orthopädischen Praxis

Zur Klärung ökonomischer Effekte wird ein Kosten-Nutzen-Fragebogen verwendet (FPZ-CBA), in dem die Patienten reale Daten u.a. über ihre Beschwerden, Krankschreibungen und Verordnungen angeben. Die Antworten beziehen sich dabei auf einen 12– bzw. 3-Monats-Zeitraum (Eingangs- und Abschlussanalyse) und werden zur Auswertung auf einen 3-Monats-Zeitraum umgerechnet. Hier zeigen sich in allen gemessenen Parametern Reduktionen und somit medizinische und ökonomische Verbesserungen (Tab. 4). Besonders auffällig sind die Reduktionen der stationären Behandlungs-Tage sowie der weiteren Verordnungen neben dem FPZ-Konzept, die, wie alle anderen Werte auch, signifikant sind. Die Ergebnisse zeigen somit durchgehend eine hohe Wirtschaftlichkeit der Therapie.

Ausschließlich zum Ende der Therapie wurden die Patienten zusätzlich gebeten, Fragen bzgl. ihrer Erfahrungen mit dem Trainingsprogramm, der Trainingseinrichtung sowie den Therapeuten zu beantworten. Unabhängig von den Items, die befragt werden (Abb. 7), sind die Patienten zu einem hohen Grad zufrieden. Während die direkten Qualitätsparameter der Therapie durchweg im hohen 90 %-Bereich bewertet werden, liegt die Zufriedenheit mit den Grundzügen der Therapie bei etwa 90 %. Diese persönlichen Eindrücke zeugen von einem hochqualitativen Programm, welches auf höchstem Niveau in einem guten Umfeld durchgeführt wird.

Alle hier evaluierten Ergebnisse zeigen positive Veränderungen bei den deutlich chronifizierten Rückenschmerzpatienten durch die Teilnahme am FPZ-Konzept im Rahmen der orthopädischen, letztlich kausalen Schmerztherapie bzw. als integrierte, funktionelle Rückenschmerztherapie. Dies beginnt beim Aufbau normaler motorischer Fähigkeiten (muskuläre Rehabilitation) der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur und führt zur signifikanten Senkung von Schmerzparametern, zur Steigerung des Wohlbefindens bis hin zur Veränderung der psychischen Situation einschließlich der Senkung kostenintensiver Behandlungsmaßnahmen beziehungsweise der AU-Tage. Dabei wird auch die Therapie hochgradig positiv wahrgenommen.

Diskussion

Die oben gezeigten Ergebnisse fassen die Problematik und die Diagnostik des modernen Rückenschmerzes zusammen und bieten anhand der ganzheitlichen Veränderungen der Patienten letztlich durch das Trainingsprogramm, vorbereitet und flankiert durch multimodale, alle ambulant gängigen/evidenzbasierten Maßnahmen, einen Lösungsansatz [30, 31, 32]. Diese Erkenntnisse sind dabei nur durch die akribische Dokumentation aller Daten möglich.

Die standardisierte Analyse nach dem FPZ-Konzepts umfasst klare orthopädische Diagnosen an gezielt diagnostizierten und vorbehandelten Patienten, eine Bestimmung der Beweglichkeit der Wirbelsäule, der isometrischen Maximalkraft der entscheidenden wirbelsäulenstabilisierenden Muskelgruppen, deren Verhältnisse (Balance bzw. Dysbalance) und optional auch die Bestimmung der Leistungsfähigkeit des M. erector spinae, jeweils im Vergleich mit Referenzwerten von Personen gleicher Größe, gleichen Alters, Gewichts und Geschlechts (valide und reliabel anhand der FPZ-Referenzdatenbank, vergleiche auch Denner [2] sowie psychodiagnostische Verfahren und die Erfassung des HKF-R10. Das Vorgehen nach dem FPZ-Konzept zielt dabei auf eine qualitätsgesicherte muskuläre Rehabilitation bzw. medizinische Trainingstherapie im orthopädischen Konzept als spezielle, kausale Schmerztherapie ab.

Im Allgemeinen wird man erkennen müssen, dass unsere moderne Welt sich rasant verändert, nicht nur zum Vorteil unseres Daseins, sondern auch mit neuen Volkskrankheiten (außer den Rückenproblemen auch mit Diabetes mellitus, psychischen Erkrankungen, Übergewicht, Osteoporose etc.). Es ist zu registrieren, dass ohne die Kenntnis und Umsetzung (Lebensstil) der Funktionsweise unserer menschlichen Natur zwangsläufig Anpassungsstörungen eintreten, die in die (chronische) Krankheit führen (s.a. Ganten 2009) [9]. Oder aber der neue evolutionäre Prozess wird positiv begriffen, um Missevolution zu verhindern. Frühzeitige Therapien, noch besser sinnvolle Prävention [16], gründen daher auf der Mitarbeit, Eigenverantwortung und Bildungsfähigkeit der Betroffenen. Aber auch das gesamte medizinische System muss sich anpassen. Fehlen diese Aktivitäten, werden die Medizin und das Gesamtsystem nicht erfolgreich sein (man sieht, wie sehr die Thematik auch ins Pädagogische reicht). Neben schicksalshaften Verläufen sind jene Defizite dann auch der Hauptgrund, dass eben mancher Patient nicht erreicht werden kann und einfach unlösbare Probleme bestehen. Das zeigt sich auch in der praktischen Arbeit und den zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder: Die Palette reicht vom gut organisierten, flüssigen und vollen Behandlungserfolg bis zur frustranen bzw. unorganisierten, verspäteten Maximaltherapie. Oder anders formuliert: Die indikationsgerecht ausgewählten und klassisch vorbehandelten Patienten stehen ausnahmslos unter folgendem Lehrsatz von Lewit et al. [18]: „Das Problem der Lebensführung vom Gesichtspunkt vertebragener Störungen und ihrer Prävention liegt in den technisch hoch entwickelten Ländern äußerst ungünstig. ... Sowie die akuten Schmerzen zurückgehen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit in zunehmendem Maße den statischen und dynamischen Störungen, also den Muskelfunktionsstörungen zu, die ja oft die eigentlichen Verursacher der vertebragenen Beschwerden und für deren Rezidive sind. Ihre Diagnostik und Therapie ist im Akutstadium meist nicht möglich. Erst im Stadium der Rekonvaleszenz und bei der Vorbeugung von Rezidiven stehen sie im Mittelpunkt unseres Interesses, wenn es auch Fälle gibt (Schmerzen, die lediglich bei Ermüdung auftreten), bei denen Muskelfunktionsstörungen und Störungen der Statik von vornherein im Vordergrund stehen. Wir gehen also zur aktiven Belastung und Rehabilitation über. Zur Unterscheidung des „rein“ psychogenen Schmerzes von einem somatisch bedingten Schmerz noch zwei Hinweise: Erstens ist der rein psychogene Schmerz selten. Wir möchten als Warnung betonen, dass ein Arzt, der die Diagnose eines psychogenen Schmerzes häufig stellt, meistens ein schlechter Diagnostiker ist. Zweitens ist ein Schmerz, den der Kranke beschreiben und lokalisieren kann, immer als somatisch anzusehen“.

Also sollte nicht Angst vor der Chronifizierung bestehen, sondern Freude an effizienter Bewegung mit hochwertiger Bewegungsqualität besonders als Prävention der Chronifizierung.

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