Übersichtsarbeiten - OUP 12/2014

20 Jahre kombiniert orthopädisch-trainingswissenschaftlich validierte Rückenschmerz-Analyse und -Therapie unter den Bedingungen einer orthopädischen Praxis

Es erscheint schließlich auch nicht abwegig, einen Zusammenhang herzustellen zwischen dem jetzt über 2 Jahrzehnte nachgewiesenen, sich kontinuierlich verschlechternden körperlichen (muskulären) Zustand der Bevölkerung, dem zunehmend angstbesetzten Bewegungsverhalten, den sich seit 2005 teilweise verschlechternden eigenen Behandlungsergebnissen und den besonders deutlich gestiegenen Operationszahlen herzustellen (Abb. 8).

Bei den eigenen Behandlungsergebnissen ist zu mutmaßen bzw. abzuleiten, dass durch die seit 2006 durchgeführten integrierten Versorgungen vermehrt deutlich chronifiziertere und mit bisherigen Methoden „austherapierte“ Patienten zur Behandlung kamen und damit negativ zu Buche schlugen. Es wird damit auch wieder die Bedeutung einer entschlossenen, validierten und frühzeitigen Therapie klar. Und was geschieht mit den übrigen, nicht gebesserten oder verschlechterten Fällen? Hier haben – und nach entsprechender Ausschöpfung des beschriebenen Vorgehens kann man dann auch sicher sein – operative, medikamentöse, physikalische, psychotherapeutische und sozial unterstützende Verfahren im Rahmen einer Salutogenese ihr Feld. Damit ist es wichtig, die Säulen „Medizin und Trainingswissenschaft“ zu verbinden, um die Therapie insgesamt wirklich maximiert-platziert-diffenziert als eine große Herausforderung unserer Zeit darzustellen.

Schlussfolgerung für die
tägliche Praxis

Die zivilisierte Welt hat ihr Bewegungsverhalten besonders in den letzten Jahrzehnten drastisch in Richtung kollektives Defizit (bei steigender Lebenserwartung) verändert – ein spezifischer Vorgang mit spezifischen Folgen, die sich besonders am größten Organ unseres menschlichen Körpers niederschlagen: der Muskulatur, die ihre bedeutendste Wirkung am „Achsenorgan“ entfaltet. Die konditionelle Situation in der Bevölkerung einschließlich ihres zunehmend angstbesetzten Bewegungsverhaltens (eigene Daten s.o.) befindet sich also auf dem Wege der eindeutigen Verschlechterung, wie es nun auch große, neue repräsentative Datenmengen an 47.000 Rückenschmerzpatienten (FPZ-Konzept) der letzten 20 Jahre zeigen. Erfolgt keine gesund erhaltende, regelmäßige, definierte motorische Belastung, kommen pathologische Prozesse auf nicht nur neurobiomechanischer, sondern offenbar auch myokinetischer (Botenstoffe) und epigenetischer Ebene in Gang. Anpassungsstörungen (Ernährung, Psyche, Bewegungsmangel) führen in „biopsychosoziale“ Krankheitsprozesse, die man unter integrativer Ergänzung trainingswissenschaftlicher Erkenntnisse auch als „Dekonditionierungs- oder Schmerzverstärkungssyndrome“ fassen kann. Auf diese spezifischen Prozesse sollte es spezifische Antworten geben, um nicht am Problem vorbei zu therapieren, sodass als Schlussfolgerung sich mehr denn je der Anlass zu frühzeitigen, konsequenten und messbar qualitätsgesicherten Therapien ergibt. Eine mechanismenorientierte Schmerzanalyse und Therapie (medizinischer Teil) in sachgerechter Verbindung mit einer validen und verlässlichen Methode zur aussagekräftigen Funktionserfassung der Wirbelsäule (FPZ-Konzept, trainingswissenschaftlicher Teil) ermöglichen sie (integratives, translationales Denken, Emergenz). So erscheint der unspezifische, nichtspezifische, nichtklassifizierbare Rückenschmerz in einem neuen und spezifischen Licht.

Der erforderliche Trainigsaufwand an einer noch durchschnittlich belastbaren, pathomorphologisch beherrschbaren, nicht unnötig chronifizierten (am Rücken max. 10-jährige, an der HWS besser nur ca. 5-jährige Vorgeschichte), ggf. gut vorbehandelten Wirbelsäule bei einem positiven, aktiven und kooperativ eingestellten Menschen, der möglichst nicht nachhaltig psychisch komorbid ist, beträgt im 3-monatigen Aufbauteil 2x eine Stunde pro Woche – unter professioneller, mechanismenorientierter Betreuung, auch unter Beteiligung der Sozialsysteme. Gezielte Vorbehandlungen nach sicherer schmerzanalytischer Diagnostik mit nachfolgender Eingangsanalyse gestatten es zudem, nicht nur die Lage und den Therapiebedarf, sondern auch die Prognose zu bestimmen (mit eingehender grafischer und verbalisierter Dokumentation für alle Beteiligten – als Qualitätssicherung ausnahmslos von Anfang bis Ende). Der Aufwand für die Erhaltung, ggf. auch weitere Verbesserung des Erreichten, beträgt eine medizinische Behandlungs- bzw. Trainingsstunde, ausnahmslos weiter durch ausgebildetes Personal betreute alle (5), 7–10 oder (14) Tage (die Zeiträume sind trainingswissenschaftlich evaluiert und können in jedem Einzelfall messbar bestimmt werden) unter Einhaltung eines ergonomisch optimalen, durchschnittlich bewegten Alltags mit einem Wechsel von Sitzen, Stehen und Gehen bzw. Laufen [36]. Selbst eine schwer dekonditionierte Person kann auf diese Weise nach 1 (–2) Jahren (vertebragen) gesund werden und in einen diesbezüglich ganzheitlich optimalen Zustand gelangen. Das zeigen eigene Beobachtungen an Langzeittrainierenden über Jahre oder sogar fast 2 Jahrzehnte. Diese erfolgten teilweise mit Kassenunterstützung bis zu einem Jahr und ggf. mit weiteren Zuschüssen danach.

Die Schaffung eines geeigneten Datennetzwerks bildet die Grundlage: Data Mining und Data Warehouse [7]. Es gelten die Grundsätze der evidenzbasierten Medizin, hier in diesem Falle durch gezielt synergistische Paarung mit einem seit 20 Jahren etablierten, ausgefeilten, funktionell ausgerichteten, online-gestützten Rücken-Konzept (FPZ-Konzept), sodass sich dringend erforderliche, leistungsfähige Möglichkeiten in diagnostischer, therapeutischer, gutachterlicher, vernetzbarer und nachweislich wirtschaftlicher Hinsicht ergeben.

Zuletzt ein aktuelles Zitat aus „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ vom Februar 2014: [22]: „Daten sind alles – ohne Daten ist alles nichts.“ Auf diesem Wege fortzufahren, wird uns weitere Erkenntnisse verschaffen, vor allem, um immer besser Non-Responder verschiedenster Ebenen und Phänomenologien zu verstehen bzw. in Bewegung zu bringen.

Zwei plastische Abbildungen (Abb. 9, 10) dienen als Gedankenskizze, wobei es immer schwer ist, ein komplexes biologisches, kybernetisches System treffend kurz darzustellen, erst recht in einer Thematik, die eben sehr vielschichtige interdisziplinäre Inhalte besitzt: Die Richtung der Entwicklung kann aber zumindest wohl aufgezeigt werden.

Danksagung

Mein Dank gilt den Mitarbeiter/Innen der Praxis und des orthopädischen Präventionszentrums, besonders Karla Bollmann, Manuel Fecher und Volker Thormeyer, die jahrelang und mit zuverlässiger Genauigkeit neben der praktischen Facharbeit akribisch alle erforderlichen Daten gesammelt und online dokumentiert haben, auch für künftige Auswertungen. Herrn Dr. Michael Hollmann danke ich für die wertvollen Kommentare zum Manuskript.

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