Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Die isolierte patellofemorale ArthroseDiagnostik, Indikationsstellung und operative Strategie der patellofemoralen Prothese
Endoprothetisch ist die Versorgung als strategische Entscheidung zwischen patellofemoraler Prothese (PFP) und Knietotalendoprothese (KTP) zu verstehen [1]. Die PFP ist als kompartimenterhaltendes Verfahren bei gesicherter isolierter PFA attraktiv, setzt jedoch eine präzise Patientenselektion sowie eine sorgfältige biomechanische Analyse und operative Umsetzung voraus [10, 13]. Bei tibiofemoraler Beteiligung oder ungünstigen Begleitkonstellationen stellt die KTP in der Regel ein verlässliches Standardverfahren dar [14].
Trotz Weiterentwicklungen im Implantatdesign und operativer Technik bleiben Patientenzufriedenheit und klinische Ergebnisse nach PFP variabler als nach KTP [1, 10, 14, 15]. Maßgebliche Gründe sind die heterogene Ätiologie der PFA, die mögliche Progression tibiofemoraler Degenerationen sowie die hohe Sensitivität des Verfahrens gegenüber Selektion und technischer Umsetzung [11, 14, 16]. Dieser Übersichtsartikel arbeitet praxisrelevante Risikofaktoren und Problemkonstellationen der isolierten PFA heraus und leitet daraus konkrete Schlussfolgerungen für Diagnostik, Indikationsstellung, OP-Planung und operative Strategie ab.
Diagnostik
Die Diagnostik der isolierten patellofemoralen Arthrose ist von zentraler Bedeutung, da sie die Diagnose sichert und die weitere therapeutische Planung wesentlich beeinflusst [1, 6, 12]. Entscheidend sind dabei einerseits die sichere Beurteilung einer klinisch relevanten tibiofemoralen Begleitdegeneration, andererseits die Analyse der zugrundeliegenden Pathomechanik mit möglicher Fehlführung und Instabilität der Patella sowie relevanten Achs- und Rotationsabweichungen [1, 6, 10, 12].
In der klinischen Untersuchung stehen daher Patellaführung und Patellastabilität sowie die Abgrenzung konkurrierender Schmerzursachen im Vordergrund. Hinweise auf eine Hyperkompression, ein positives Apprehensionzeichen bei Instabilitätsverdacht und Zeichen eines Maltrackings, insbesondere das (reverse) J-Sign, sind dabei besonders relevant. Ebenso sollten Achsabweichungen und Hinweise auf Rotationsanomalien systematisch erfasst und Zeichen einer tibiofemoralen Begleitdegeneration gezielt untersucht werden [6, 12].
Die Bildgebung basiert auf standardisierten konventionellen Röntgenaufnahmen. Insbesondere axiale und seitliche standardisierte Projektionen sind für die Beurteilung von Arthroseverteilung, Tilt, Subluxation sowie morphologischen Hinweisen auf Dysplasie oder Fehlführung essenziell [6, 12, 13]. Bei klinisch auffälliger Beinachse muss eine Ganzbeinröntgenaufnahme zwingend ergänzt werden. Das MRT erweitert die Diagnostik durch die Beurteilung des Knorpelstatus, des subchondralen Knochens und begleitender intraartikulärer Pathologien [6, 12]. Bei Verdacht auf relevante Rotationsabweichungen ist eine CT-basierte Analyse sinnvoll, da sie die präoperative Planung und die Indikation für mögliche Begleiteingriffe wie Torsionsosteotomien wesentlich beeinflussen kann [17]. In ausgewählten Fällen kann eine Skelettszintigrafie bzw. SPECT/CT zur weiteren Abklärung einer tibiofemoralen Beteiligung herangezogen werden [18].
Patientenselektion und
Indikationsstellung
Der Erfolg der patellofemoralen Prothese hängt wesentlich von der Patientenselektion ab [3, 19, 20]. Voraussetzung ist eine klinisch relevante, sicher isolierte patellofemorale Arthrose nach Ausschöpfung konservativer Maßnahmen über mindestens 3–6 Monate bei anhaltender Symptomatik (Abb. 1) [1, 10]. Die Indikation kann sowohl bei primärer als auch bei sekundärer Arthrose gestellt werden [15, 19]. Gerade jüngere Patientinnen und Patienten sind jedoch häufig voroperiert, was die präoperative Planung und das operative Gesamtkonzept zusätzlich erschwert [15].
Die PFP wird typischerweise bei Patientinnen und Patienten im mittleren Lebensalter eingesetzt (etwa 40–65 Jahre), ohne dass ein einheitlicher Altersgrenzwert besteht [21, 22]. Entscheidend sind die sichere Zuordnung der Symptomatik zum patellofemoralen Kompartiment und ein konsequentes Erwartungsmanagement [3, 23]. Präoperativ sollte thematisiert werden, dass sich im Verlauf eine tibiofemorale Degeneration entwickeln oder fortschreiten kann mit der Folge einer Konversion zur KTP [14, 21, 24].
Die zentrale Kontraindikation für eine isolierte PFP ist eine klinisch relevante tibiofemorale Begleitarthrose [3, 19]. Darüber hinaus müssen Begleitpathologien identifiziert werden, da sie die Indikationsqualität, die präoperative Planung und ggf. das operative Vorgehen maßgeblich beeinflussen können [16, 19, 20]. Hierzu zählen insbesondere eine patellofemorale Instabilität bzw. Fehlführung, relevante Achsabweichungen (z. B. > 5° Varus oder > 8° Valgus), eine Patella baja (Caton-Deschamps-Index < 0,8) sowie
tibiofemorale ligamentäre Instabilitäten [15, 19, 20]. Auch relevante Bewegungseinschränkungen, etwa ein Extensionsdefizit > 10° oder eine Knieflexion < 110°, sollten in der Indikationsstellung kritisch berücksichtigt werden [3, 19]. Niedrige Arthrosestadien (z. B. Iwano I/II) sind mit ungünstigeren Ergebnissen assoziiert und sollten daher ebenfalls hinterfragt werden [3, 13, 17].
Risikokonstellationen sind nicht zwingend Ausschlusskriterien, gehen jedoch mit erhöhten Revisionsraten einher und sollten konsequent in die Aufklärung und das Erwartungsmanagement einfließen. Dazu zählen unter anderem sehr junges Alter, extremes Übergewicht (BMI > 40 kg/m²), sowie vorangegangene meniskuschirurgische Eingriffe [19, 20].
Zur strukturierten Unterstützung von Diagnostik, Patientenselektion und Indikationsstellung kann der in Abbildung 3 dargestellte Entscheidungsalgorithmus herangezogen werden.
Endoprothetische Optionen
Sowohl PFP als auch KTP stellen valide endoprothetische Optionen in der Behandlung der patellofemoralen Arthrose dar [3, 14, 24]. Entscheidend ist die zuverlässige Zuordnung der Patientinnen und Patienten zur geeigneten Strategie; dabei spielen neben Ausprägung und Verteilung der Arthrose insbesondere Alter, Aktivitätsniveau, Begleitpathologien und die tibiofemorale Beteiligung eine zentrale Rolle [3, 24].
Im klinischen Alltag wird die PFP häufig als kompartimenterhaltendes Vorgehen eingesetzt, da tibiofemorale Gelenkflächen sowie die native Bandführung erhalten bleiben. Dies kann insbesondere bei jungen, körperlich aktiven Patientinnen und Patienten einen funktionellen Vorteil bei gleichzeitigem Erhalt nicht betroffener Gelenkstrukturen darstellen [3, 15, 24]. Aktuelle Vergleichsdaten zeigen, dass die PFP im Kurzzeitverlauf mit teils besseren PROMs, einer schnelleren funktionellen Erholung und Vorteilen bei der Rückkehr zu sportlicher Aktivität assoziiert sein kann [25, 26]. Zudem deuten Registerdaten darauf hin, dass die PFP im perioperativen Verlauf insbesondere hinsichtlich früher systemischer Komplikationen mit einem günstigeren Komplikationsprofil assoziiert ist [25, 27]. Gleichzeitig wird in der Literatur über ein erhöhtes Revisionsrisiko im Vergleich zur KTP berichtet, sodass die PFP als selektives Verfahren mit hoher Empfindlichkeit gegenüber Patientenselektion und technischer Umsetzung zu verstehen ist [24, 26, 27].
