Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026

Die isolierte patellofemorale Arthrose
Diagnostik, Indikationsstellung und operative Strategie der patellofemoralen Prothese

Vor diesem Hintergrund sollte eine isolierte PFP ohne ergänzende Korrektureingriffe nur bei stabiler Patellaführung ohne klinisch relevante Achs- oder Torsionskomponente angestrebt werden. In der Literatur werden hierfür Orientierungswerte genannt, die auf eine relevante Führungs- oder Alignmentproblematik hinweisen können, darunter eine TT-TG-Distanz > 20 mm oder < 8 mm, ein Caton-Deschamps-Index > 1,2 oder < 0,8, ein lateraler Tilt > 5°, ein mechanischer Varus beziehungsweise Valgus > 5° sowie erhöhte Rotationsparameter mit femoraler Anteversion > 20° oder tibialer Torsion > 40°. Da die TT-TG-Distanz durch Torsion und Trochleadysplasie beeinflusst werden kann, sollte ergänzend auch die TT-PCL-Distanz berücksichtigt werden; Werte > 21 mm waren in einer Kohorte mit geringerem klinischem Benefit und höheren Versagensraten assoziiert [16]. In solchen Konstellationen sollten Begleiteingriffe frühzeitig geprüft und präoperativ geplant werden, wie in Abbildung 3 zur Übersicht dargestellt [10, 12, 13, 16].

Bei symptomatischer Instabilität mit Luxationsanamnese, positivem Apprehensionzeichen oder ausgeprägter lateraler Translation ist eine stabilisierende MPFL-Rekonstruktion zu erwägen. Bei knöchern dominierter Fehlführung, etwa bei erhöhter TT-TG-Distanz bzw. erhöhter TT-PCL-Distanz oder ungünstiger Patellahöhe, kann eine Tuberositasosteotomie sinnvoll sein; insbesondere eine Patella alta sollte konsequent in die operative Strategie einbezogen werden. Bei klinisch relevanten Achs- oder Rotationsfehlstellungen ist eine korrigierende Osteotomie zu prüfen, da die PFP diese Ursachen nur eingeschränkt adressiert [10, 13, 15–17]

Begleiteingriffe kennzeichnen häufig Patientinnen und Patienten mit komplexerer Ausgangsanatomie und ungünstigerer Pathomechanik; in Kohortenanalysen sind diese Konstellationen häufiger mit einem schlechteren Outcome assoziiert [15, 29]. Dies unterstreicht die Bedeutung einer strengen Selektion, einer präoperativ begründeten biomechanischen Strategie und einer konsequenten operativen Umsetzung.

Fazit für die Praxis

Moderne patellofemorale Prothesenkonzepte können bei strenger Indikationsstellung und präziser operativer Umsetzung eine relevante Schmerzreduktion, funktionelle Verbesserung und die Rückkehr zu sportlicher Aktivität im Low- bis Medium-Impact-Bereich ermöglichen [15, 30]. In einer mittelfristig nachuntersuchten Kohorte nach patellofemoraler Inlay-Arthroplastik erreichten 94 % der nicht fehlgeschlagenen Versorgungen eine Rückkehr auf das gleiche oder ein höheres Sportniveau; 74 % berichteten zudem über eine subjektiv verbesserte Sportfähigkeit. Diese Daten verdeutlichen das Potenzial der patellofemoralen Prothese bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen und Patienten [30].

Gleichzeitig erfordert das Verfahren ein realistisches Erwartungsmanagement [15, 30]. Jüngere und aktive Patientinnen und Patienten profitieren häufig funktionell in besonderem Maße, jedoch muss präoperativ klar kommuniziert werden, dass weder vollständige Schmerzfreiheit noch ein dauerhaft komplikationsfreier Langzeitverlauf garantiert werden können [15, 29, 30]. Entscheidend ist dabei, dass der weitere Verlauf nicht allein vom patellofemoralen Kompartiment abhängt, sondern wesentlich auch durch die Entwicklung der tibiofemoralen Gelenkanteile bestimmt wird [15, 31]. Vor diesem Hintergrund ist auch die in Registerdaten beschriebene Differenz der 10-Jahres-Überlebensraten relevant: Sie liegt für die patellofemorale Arthroplastik bei etwa 85 % und für die Knietotalprothese bei etwa 95 % [27].

Für die Einordnung von Misserfolgen ist eine zeitliche Differenzierung klinisch hilfreich. Frühversagen ist typischerweise mit Patella-Maltracking oder patellofemoraler Instabilität assoziiert, während späte Misserfolge überwiegend auf eine Progression der tibiofemoralen Arthrose zurückzuführen ist [15, 31]. Multizentrische klinische Daten zeigen, dass auch moderne Konzepte weiterhin relevante Versagensraten aufweisen: In einer PFIA-Kohorte lag die Konversions- beziehungsweise Versagensrate im mittelfristigen Verlauf bei etwa 11 % [29]. Systematische Auswertungen der Literatur beschreiben konsistent als häufigste Ursachen Arthroseprogression, persistierende Schmerzen, aseptische Lockerung und Patella-Maltracking [31].

Hieraus ergeben sich klare Konsequenzen für die klinische Praxis. Entscheidend sind eine strukturierte präoperative Analyse der patellofemoralen Anatomie mit Beurteilung von Patellahöhe, Tuberositas-Position, Tilt, Subluxation sowie Achs- und Rotationsprofil und der verlässliche Ausschluss einer klinisch relevanten tibiofemoralen Begleitdegeneration. Pathoanatomische Treiber einer sekundären patellofemoralen Arthrose, insbesondere Instabilität, Fehlführung oder Malalignment, sollten nicht allein prothetisch adressiert werden, sondern erfordern bei entsprechender Konstellation eine kombinierte Strategie mit Begleiteingriffen. Intraoperativ sind eine korrekte Implantatpositionierung, die Vermeidung eines Overstuffings und eine Prüfung der Patellaführung entscheidend, um frühe mechanische Misserfolge zu vermeiden [6, 12, 15, 20].

Die patellofemorale Prothese ist damit als anspruchsvolle, kompartimenterhaltende Behandlungsoption für klar selektierte Patientinnen und Patienten mit isolierter patellofemoraler Arthrose zu verstehen. Bei korrekter Indikation kann sie gute klinische Ergebnisse erzielen und insbesondere bei jüngeren, aktiven Patientinnen und Patienten einen totalendoprothetischen Ersatz hinauszögern. Ein wesentlicher Vorteil liegt in der knochensparenden Resektion, sodass bei Progression anderer Kompartimente eine spätere Konversion häufig ohne komplexe Rekonstruktionsstrategien möglich bleibt [1, 15].

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Conrad Ketzer

Klinik und Poliklinik für

Unfallchirurgie

TUM Universitätsklinikum

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