Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Patellofemorale InstabilitätEntscheidung für eine konservative Therapie, für eine MPFL-Plastik und für eine knöcherne Korrektur
Julius M. Wehrmann, Steffen T. Ubl, Thomas R. Pfeiffer
Zusammenfassung:
Die patellofemorale Instabilität stellt ein häufiges und zugleich komplexes Krankheitsbild dar. Primäres Ziel der Therapie ist das Verhindern weiterer Luxationsereignisse. Bei einer erstmaligen Luxation der Patella ohne relevante Begleitverletzungen und Risikofaktoren besitzt die konservative Therapie weiterhin einen relevanten Stellenwert. Jedoch ist eine zielgerichtete klinische und radiologische Diagnostik entscheidend, um vorliegende Risikofaktoren zu identifizieren und bestmöglich zu therapieren. Die operative Rekonstruktion des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL) hat sich als Basistherapie etabliert. Bei Vorliegen relevanter anatomischer knöcherner Risikofaktoren wie einer Trochleadysplasie, einer Patella alta, einer pathologischen Lateralisation der Tuberositas tibiae sowie Torsions- und Achsfehlstellungen reicht eine isolierte MPFL-Plastik jedoch häufig nicht aus. In diesen Fällen sind knöcherne Korrekturen essenzieller Bestandteil eines erfolgreichen Therapiekonzepts.
Schlüsselwörter:
Patellaluxation, mediales patellofemorales Ligament, knöcherne Korrekturverfahren,
Trochleadysplasie
Zitierweise:
Wehrmann JM, Ubl ST, Pfeiffer TR: Patellofemorale Instabilität. Entscheidung für eine konservative Therapie, für eine MPFL-Plastik und für eine knöcherne Korrektur
OUP 2026; 15: 108–114
DOI 10.53180/oup.2026.0108-0114
Summary: Patellofemoral instability is a common yet complex clinical condition. The primary goal of treatment is to prevent recurrent dislocation events. Following a first-time patellar dislocation without relevant concomitant injuries or significant risk factors, conservative management continues to play an important role. However, focused clinical and radiological assessment is essential to identify underlying risk factors and to guide optimal treatment. Surgical reconstruction of the medial patellofemoral ligament (MPFL) has become the established cornerstone of surgical treatment. Nevertheless, in the presence of relevant osseous anatomical risk factors such as trochlear dysplasia, patella alta, pathological lateralization of the tibial tubercle, as well as torsional and axial malalignment, isolated MPFL reconstruction is often insufficient. In such cases, bony realignment procedures are an essential component of a successful treatment strategy.
Keywords: Patellar dislocation, medial patellofemoral ligament, bony corrective procedures, trochlear dysplasia
Citation: Wehrmann JM, Ubl ST, Pfeiffer TR: Patellofemoral instability. Decision for conservative treatment, for MPFL reconstruction, and for bony correction
OUP 2026; 15: 108–114. DOI 10.53180/oup.2026.0108-0114
Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie der Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Köln
Einleitung
Die erstmalige Patellaluxation stellt ein häufiges orthopädisches Krankheitsbild dar [1]. Meist sind dabei Jugendliche und junge Erwachsene betroffen. Die höchste Inzidenz findet sich bei Mädchen im Alter von 10–17 Jahren. Ursächlich ist dabei meist ein Rotations-Valgus-Trauma [2]. Auch wenn eine erstmalige Patellaluxation häufig konservativ behandelt werden kann, kommt es in 15–44 % der Fälle zu erneuten Reluxationen [3]. Zusätzlich sind junges Alter, eine positive Familienanamnese sowie entwicklungsbedingte Risikofaktoren mit weiteren Sub- oder Reluxationen assoziiert. Eine zentrale Rolle spielen dabei knöcherne Risikofaktoren wie eine vermehrte femorale Anteversion oder tibiale Außentorsion, ein Genu valgum, eine Patella alta, eine pathologische Lateralisation der Tuberositas tibiae im Vergleich zum tiefsten Punkt der Trochlea femoris (TT-TG) und eine Trochleadysplasie [2]. Nach einer erstmaligen Patellaluxation ist daher eine vollständige Diagnostik zur Identifizierung aller Risikofaktoren zur Entscheidungsfindung notwendig [4].
Diagnostik
Grundlage für die therapeutische Entscheidungsfindung stellt eine strukturierte klinische Untersuchung dar, die mit einer entsprechenden Bildgebung kombiniert wird [5]. Klinisch kommt der Beurteilung der Instabilität der Patella in Abhängigkeit vom Flexionsgrad des Kniegelenks eine zentrale Bedeutung zu. Eine Instabilität im strecknahen Bereich von 0–30° deutet überwiegend auf eine Insuffizienz der medialen passiven Stabilisatoren hin [6, 7]. Eine persistierende Instabilität über 30° hinaus kann auf zusätzliche anatomische oder knöcherne Faktoren hinweisen [8]. Eine Trochleadysplasie, Patella alta, pathologischer TT-TG sowie Achs- und Torsionsfehlstellungen führen durch eine unzureichende knöcherne Führung oder lateralisierende Zugrichtung zu einer persistierenden Instabilität trotz zunehmender Knieflexion [8]. Ein ausgeprägtes J-Sign ist ein klarer klinischer Hinweis für das Vorliegen einer höhergradigen Trochleadysplasie. Daher ergibt sich in der Vorgehensweise der Autoren bereits nach einer erstmaligen Patellaluxation die Indikation zur umfangreichen Bildgebung zur Analyse möglicher anlagebedingter Risikofaktoren (Abb. 1).
Nach Patellaerstluxation sollten immer konventionelle Röntgenaufnahmen des Kniegelenks in 2 Ebenen sowie eine tangentiale Patellaaufnahme zum Ausschluss osteochondraler Flakes und eine Magnetresonanztomographie angefertigt werden. Für die Detektion von osteochondralen Läsionen gilt die MRT als diagnostischer Goldstandard, da konventionelle Röntgenaufnahmen kleinere oder rein chondrale Fragmente häufig nicht erfassen [9–11].
Ergänzend sollte bei klinischem Verdacht mit Hilfe einer Ganzbeinstandaufnahme unter Vollbelastung und einer computertomografischen Torsionsanalyse mit fixierten Füßen weitere knöcherne Risikofaktoren analysiert werden. Die Messung der TT-TG kann sowohl mittels einer MRT als auch anhand einer CT bestimmt werden. Die Autoren bevorzugen die Messung mittels CT, da bei MRT-basierter Messung durch die leichte Flexionsstellung der TT-TG unterschätzt wird [12].
Anschließend wird nach Bestimmung des modifizierten Patella Instability Severity (PIS)-Score das zu erwartende Reluxationsrisiko abgeschätzt und die weitere Therapieentscheidung angeschlossen [5, 13]. Hierbei kann eine Orientierung am Therapiealgorithmus des Komitees für patellofemorale Instabilität der Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie (AGA), dem Konsensuspapier der europäischen Gesellschaft für Sporttraumatologie, Kniechirurgie und Arthroskopie (ESSKA) oder den Empfehlungen der internationalen Gesellschaft für Arthroskopie, Kniechirurgie und orthopädische Sportmedizin (ISAKOS) erfolgen [8, 13, 14].
Konservative Therapie
Für die Indikationsstellung zur konservativen Therapie sollte zunächst zwischen einer erstmaligen Luxation und einer Rezidivluxation unterschieden werden [5, 13–15]. Zudem muss das Vorliegen einer chondralen Läsion oder Flake-Fraktur, insbesondere im Bereich der patellofemoralen Kontaktfläche, ausgeschlossen werden [1, 16]. Anschließend sollte der PIS-Score sowie das zu erwartende Reluxationsrisiko nach Identifizierung von anatomischen Risikofaktoren bestimmt werden. Bei einem PIS-Score von maximal 3 Punkten und Vorliegen von keinem bis maximal einem anatomischen Risikofaktor wird vorerst eine konservative Therapie empfohlen [13].
