Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026

Patellofemorale Instabilität
Entscheidung für eine konservative Therapie, für eine MPFL-Plastik und für eine knöcherne Korrektur

Der TT-TG stellt einen etablierten radiologischen Parameter zur Beurteilung der Position der Tuberositas tibiae dar. Normwerte liegen, gemessen in einer axialen Aufnahme in der CT, bei einem TT-TG < 15 mm. Ab einem TT-TG von > 15 mm ist bei vorliegender Patellainstabilität von einem pathologischen Wert auszugehen [37, 38]. Derzeit existiert jedoch kein einheitlich definierter Grenzwert, ab dem eine operative Behandlung indiziert ist. Während einige Autoren einen TT-TG-Wert von > 20 mm als mögliche Indikation für einen Transfer der Tuberositas tibiae ansehen, empfehlen andere bereits bei Werten > 15 mm eine operative Korrektur in Erwägung zu ziehen [38]. Dementsprechend sollte die Interpretation des TT-TG und Indikation zum Tuberosita tibiae-Transfer stets im Kontext weiterer anatomischer Risikofaktoren der patellofemoralen Instabilität erfolgen [13, 36].

Der sagittale TT-TG beschreibt den anteroposterioren Abstand zwischen Tuberositas tibiae und Trochleagrube in der Sagittalebene und dient der Beurteilung der sagittalen Position der Tuberositas tibiae im patellofemoralen Gelenk [39]. Er ergänzt die axiale TT-TG und kann bei der Planung einer Anteriorisierung der Tuberositas tibiae von Bedeutung sein [40]. Additiv kann hierbei durch einen Transfer nach medial und distal neben der Korrektur des TT-TG auch eine Patella alta korrigiert und somit der laterale Quadrizepswinkel reduziert werden [41].

Neben dem TT-TG kann auch der Abstand zwischen der Tuberositas tibiae und dem hinteren Kreuzband (TT-PCL) als Messparameter herangezogen werden, da er ausschließlich tibiale Landmarken verwendet und somit weniger durch femorale Morphologie oder Trochleadysplasie beeinflusst wird [42]. Ein TT-PCL > 24 mm wird als möglicher pathologischer Grenzwert angesehen [42].

Eine Patella alta stellt ebenso einen relevanten Risikofaktor für eine patellofemorale Instabilität dar, da sie zu einem verzögerten Engagement der Patella in der Trochlea führt. In frühen Knieflexionsbereichen (0–30°) wird dadurch die Stabilität reduziert [5]. Zur genaueren Beurteilung kann der Caton-Deschamps-Index (Abb. 3) verwendet werden [13]. Der Insall-Salvati-Index (Abb. 3) beschreibt das Verhältnis zwischen Patellarsehnenlänge und Patellalänge und ist damit primär ein Maß für die Sehnenlänge [43]. Demgegenüber gibt der Caton-Deschamps-Index einen Hinweis auf die Position der Patella relativ zum Tibiaplateau und spiegelt dadurch die funktionelle Patellaposition im patellofemoralen Gelenk besser wider [44]. Ein Quotient > 1,2 wird als Patella alta gewertet und stellt für die Autoren einen relevanten Faktor für eine OP-Indikation dar [13, 45].

Aktuell bestehen jedoch keine evidenzbasierten Grenzwerte, ab denen eine isolierte Distalisierung der Tuberositas tibiae eindeutig indiziert ist. Vor diesem Hintergrund wurden andere Methoden beschrieben, wie bspw. der Patellotrochlear-Index oder Extension Patellar Engagement-Index, da diese direkt die funktionelle Kontaktfläche zwischen Patella und Trochlea abbilden [46, 47]. Diese Messmethoden erlauben eine differenziertere Beurteilung des patellofemoralen Kontakts und könnten daher künftig eine relevante Rolle bei der Indikationsstellung für eine Distalisierung der Tuberositas Tibiae spielen.

Trochleadysplasie

Die Diagnose einer Trochleadysplasie erfolgt sowohl klinisch als auch radiologisch. Klinische Hinweise auf eine bestehende patellofemorale Instabilität können ein positiver Apprehensiontest sowie ein positives J-Zeichen geben [13]. Radiologisch wird die Dejour-Klassifikation verwendet [13, 48]. Dabei wurde die Trochleadysplasie ursprünglich anhand morphologischer Zeichen im konventionellen Röntgenbild (z. B. „crossing sign“, supratrochleärer Spur und Doppelkontur) bewertet und qualitativ in die Typen A–D eingeteilt. In einer adaptierten Version der Dejour-Klassifikation kann die Trochleadysplasie nun quantitativ anhand von MRT-Bildgebung ausschließlich auf messbaren Parametern (Abb. 3), wie dem Sulkuswinkel, der lateralen Trochleainklination und dem zentralen Trochlea-„Bump“ eingeteilt werden [49]. Zur Diagnose einer Trochleadysplasie nach Dejour et al. wurden Schwellenwerte von einem Sulkuswinkel ? 157° oder lateralen Trochleainklination < 14° und dem Vorliegen eines zentralen Trochlea-„Bumps“ ? 5 mm ermittelt [49]. Anhand dieser Parameter erfolgt anschließend die Einteilung in die etablierten 4 Typen [49].

Bei Vorliegen einer Trochleadysplasie in Kombination mit einem positiven J-Sign kann eine Trochleaplastik erwogen werden, da sie durch Vertiefung der Trochlea die patellofemorale Führung und Stabilität der Patella verbessert und das Risiko rezidivierender Luxationen reduzieren kann [13, 50].

Es wurden bereits zahlreiche Techniken zur Durchführung der Trochleaplastik beschrieben. Bei der Thin-flap-Trochleaplastik (nach Breitner) wird ein dünner osteochondraler Knorpel-Knochen-Flap angehoben und die Trochlea anschließend vertieft [51]. Die Thick-flap-Trochleaplastik (nach Dejour) ist durch eine Präparation eines dickeren osteochondralen Flaps gekennzeichnet [52]. Im Gegensatz dazu erfolgt bei der Trochleaplastik nach Goutallier keine Vertiefung der Trochlea, sondern eine Elevation der lateralen Trochleafacette [53].

Ein Vergleich der Trochleaplastiktechniken zeigte, dass alle 3 Verfahren zu einer signifikanten Verbesserung von Funktion und Stabilität führen können [51–54]. Dabei wies die u-förmige Trochleaplastik nach Bereiter die niedrigste Reluxationsrate und Arthroserate sowie die geringste Rate an Bewegungseinschränkungen auf. Die v-förmige Trochleaplastik nach Dejour erzielte zwar die höchsten Kujala-Scores, war jedoch mit einer höheren Rate an Bewegungseinschränkungen und Arthrose assoziiert, während die Technik nach Goutallier die höchste Reluxationsrate und eine erhöhte Arthroserate zeigte [54]. Daher wird von den Autoren die Trochleaplastik nach Bereiter bevorzugt.

Rotationsabnormalitäten und Achsabweichungen

Die valgische Beinachse führt zu einer lateralisierenden Kraftkomponente auf die Patella, welche eine patellofemorale Instabilität begünstigt [55, 56]. Maßgeblich ist die Analyse der mechanischen Beinachse sowie der Lokalisation der Deformität anhand der mechanischen femoralen und tibialen Beinachswinkel. Ein knöcherner Valgus von mehr als 3–5° über die physiologische Achse hinaus gilt in der Regel als korrekturbedürftig zur Reduktion der patellofemoralen Instabilität und Verbesserung des patellofemoralen Alignements [57]. Eine Korrektur sollte immer am Ort der Fehlstellung erfolgen und in physiologischen Gelenkwinkeln resultieren.

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