Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026

Patellofemorale Instabilität
Entscheidung für eine konservative Therapie, für eine MPFL-Plastik und für eine knöcherne Korrektur

Die konservative Therapie der Patellaluxation umfasst eine initiale Schwellungs- und Schmerzreduktion, meist kombiniert mit einer kurzzeitigen, funktionellen Immobilisation oder stabilisierenden, patellazentrierenden Orthesen. Derzeit gibt es keine eindeutige Evidenz, jedoch wird empfohlen, dass anschließend eine frühfunktionelle Rehabilitation angeschlossen werden sollte [1, 13, 17]. Die relevantesten Bestandteile sind die physiotherapeutische Kräftigung des Quadrizeps, insbesondere des Vastus medialis, sowie der Hüft- und Beckenstabilisatoren, ergänzt durch Koordinations- und Propriozeptionstraining mit dem Ziel einer zentrierten Patellaführung und der sicheren Rückkehr zu Alltags- und Sportaktivitäten [17].

Operative Therapie

Ziel der operativen Versorgung ist die Wiederherstellung einer stabilen und zentralisierten Patellaführung. Ist nach erstmaliger Luxation eine osteochondrale Fraktur bei einem PIS-Score von höchstens 3 Punkten und höchstens einem Risikofaktor ersichtlich, wird eine operative Flake-Fixation in Kombination mit einer isolierten Rekonstruktion des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL) empfohlen [13, 16, 18].

Liegt nach erstmaliger Luxation ein niedriger Schweregrad mit einem PIS-Score von höchstens drei Punkten oder lediglich null bis einem Risikofaktor vor, wird eine operative Flake-Fixation in Kombination mit einer isolierten Rekonstruktion des MPFL empfohlen [13].

Bei Patientinnen und Patienten mit höherem Risiko, definiert durch einen PIS-Score von mindestens 4 Punkten bzw. dem Vorliegen von mindestens 2 Risikofaktoren oder rezidivierenden Patellaluxationen, wird ebenfalls empfohlen, eine Flake-Refixation in Kombination mit einer MPFL-Plastik durchzuführen [13]. Ergänzend dazu sollten jedoch knöcherne Risikofaktoren wie eine Patella alta, eine Trochleadysplasie, sowie Achs- oder Torsionsfehlstellungen korrigiert werden (Abb. 2). Dabei sollten alle pathologischen Risikofaktoren adressiert werden [13, 15, 18].

Derzeit existiert keine klare Evidenz, ob die Eingriffe als Kombinationseingriffe oder einzeln durchgeführt werden sollten [15]. Gezeigt werden konnte jedoch, dass eine tibiale Derotationsosteotomie und varisierende Osteotomien den TT-TG beeinflussen [19, 20]. Die Autoren empfehlen dementsprechend, zunächst Achs- und Torsionsfehlstellungen zu korrigieren. Anschließend wird eine postoperative Torsionsanalyse mittels CT durchgeführt. Sollte ein pathologischer TT/TG verbleiben oder eine hochgradige Trochleadysplasie mit positivem J-sign vorliegen, kann im Rahmen der Materialentfernung die Trochleaplastik und ggf. ergänzend ein Tuberositasversatz mit MPFL-Rekonstruktion erfolgen. Es ist zu empfehlen, dass die Alignment-Korrektur vor der Trochleaplastik durchgeführt wird, um die Trochlea an das neu geschaffene Alignment anpassen zu können.

Die Autoren empfehlen, die Behandlung der verbleibenden knöchernen Risikofaktoren in einem kombinierten Eingriff durchzuführen. Klinische Serien berichten, dass die simultane Durchführung zu niedrigen Rezidivraten und gutem klinischen Outcome führt [21, 22].

Ist eine knöcherne Konsolidierung gegeben, kann eine Korrektur der weiteren Risikofaktoren in Kombination mit der Materialentfernung unter Berücksichtigung der zu korrigierenden Parameter erfolgen. Dies ist in der Regel nach 6 Monaten der Fall (Abb. 2).

(Osteo-)chondrale Läsion:

(Osteo-)chondrale Läsionen treten in 2–44 % im Rahmen einer akuten lateralen Patellaluxation auf und betreffen überwiegend die mediale Patellafacette oder den lateralen Femurkondylus [23]. Als mögliche Risikofaktoren für das Auftreten einer osteochondralen Flake-Fraktur konnte insbesondere eine ausgeprägte Patellalateralisation (erhöhter TT-TG bzw. TT-PCL), eine verminderte Trochleatiefe sowie eine vergrößerte patellotrochleäre Kontaktfläche identifiziert werden [24].

Ab einer Defektgröße ? 1 cm² im patellofemoralen Kontaktbereich sollte eine Refixation der (Osteo-)chondralen Läsion angestrebt werden, sofern das Fragment dies zulässt [11, 15, 16]. (Osteo-)chondrale Läsionen, die nicht innerhalb der Belastungszone liegen, sollten primär operativ geborgen und nicht refixiert werden, da dies mit einem besseren klinischen Outcome einhergeht [25].

Insgesamt dient die frühzeitige operative Versorgung der Wiederherstellung der Gelenkfläche und ist, insbesondere bei größeren Fragmenten, mit guten klinischen Ergebnissen im mittleren bis langfristigen Verlauf assoziiert [16]. Zudem weisen Langzeituntersuchungen darauf hin, dass relevante Knorpelverletzungen nach Patellaluxation das Risiko einer späteren patellofemoralen Arthrose erhöhen können, was die Bedeutung einer zeitnahen Gelenkflächenrekonstruktion unterstreicht [26].

Mediales patellofemorales
Ligament

In der Literatur wurden zahlreiche Techniken zur MPFL-Rekonstruktion beschrieben, die sich primär in der Wahl des Transplantats unterscheiden [27]. Am häufigsten wird die Semitendinosus- oder Gracilissehne, Quadrizepssehne oder ein Streifen des medialen Retinakulums verwendet [27]. Des Weiteren unterscheiden sich die Techniken hinsichtlich der Fixation des Transplantats, wobei meist Fadenanker oder Knochenkanäle mit Schraubenfixation Anwendung finden [27].

Die Autoren präferieren die anatomische MPFL-Rekonstruktion mit einem gestielten Quadrizepssehnenautograft, bei der ein medialer, partieller und superfizialer Quadrizepsstreifen an seinem patellaren Ursprung belassen und subfaszial zum anatomischen femoralen MPFL-Ansatz geführt und fixiert wird [28]. Es konnte gezeigt werden, dass die MPFL-Rekonstruktion mit einem Quadrizepssehnenautograft zu klinischen Ergebnissen, Rezidivraten und funktionellen Scores führt, die mit denen von Hamstring-Autografts vergleichbar sind [29, 30]. Gleichzeitig konnten hier vglw. niedrigere Komplikationsraten nachgewiesen werden [28, 31]. Insbesondere sind keine Bohrkanäle in der Patella zur Fixierung notwendig, was das Risiko für eine iatrogene Patellaquerfraktur reduziert [28].

Die MPFL-Naht hat aufgrund der deutlich höheren Reluxationsrate und schlechteren subjektiven Ergebnissen und Return-to-Sport-Raten jeglichen Stellenwert verloren [1, 32, 33]. Auch bei Patientinnen und Patienten mit offenen Wachstumsfugen kann bei entsprechender Anpassung der Technik und Schonung der Epiphysenfugen die MPFL-Rekonstruktion sicher durchgeführt werden [34].

Transfer der Tuberositas tibiae

Eine Lateralisation der Tuberositas tibiae führt zu einer reduzierten Patellastabilität und zu erhöhten Druckkräften im Patellofemoralgelenk [35]. Eine pathologische Lateralisierung der Tuberositas kann somit langfristig zu einer Überbelastung des Patellofemoralgelenks mit konsekutiver Knorpelschädigung führen [36]. Die knöcherne Medialisierung der Tuberositas reduziert diese Effekte und verbessert die patellofemorale Stabilität und verringert die Kontaktkräfte [35].

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