Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Wie kommen wir mit der Trochleaplastik zu guten Ergebnissen?Wie hilft die Erfahrung mit Trochleaplastiken, um beim patellofemoralen Gelenkersatz zu guten Ergebnissen zu kommen?
Lars Victor von Engelhardt
Zusammenfassung:
Die Trochleadysplasie ist bei patellofemoralen Pathologien mit Instabilitätsbeschwerden und auch bei der isolierten Retropatellararthrose überaus häufig zu finden und wesentlich für die Pathogenese. Eine genaue klinische und bildgebende Abklärung der oft heterogenen bildgebenden und klinischen Befunde ist wichtig, um eine geeignete Therapie zu empfehlen. Bei richtiger Indikation und einer effizienten Korrektur des Patella-Fehlgleitens zeigen sowohl die kombinierte Trochlea- und MPFL-Plastik als auch der retropatellare Gelenkersatz eine hohe Patientenzufriedenheit mit guten klinischen und funktionellen Ergebnissen. Der Schlüssel des Erfolges liegt in einer effizienten knöchernen Korrektur, der Beachtung des Weichteilalignements sowie in einer konsequenten frühfunktionellen Nachbehandlung.
Schlüsselwörter:
Trochleadysplasie, Trochleaplastik, mediales patellofemorales Ligament, patellofemorale Instabilität, Patellofemoralarthrose, patellofemoraler Gelenkersatz
Zitierweise:
von Engelhardt LV: Wie kommen wir mit der Trochleaplastik zu guten Ergebnissen? Wie hilft die
Erfahrung mit Trochleaplastiken, um beim patellofemoralen Gelenkersatz zu guten Ergebnissen zu kommen?
OUP 2026; 15: 126–134
DOI 10.53180/oup.2026.0126-0134
Summary: Trochlear dysplasia is highly prevalent in patellofemoral pathologies associated with instability as well as in isolated patellofemoral osteoarthritis, and it plays a key role in their pathogenesis. A thorough clinical and imaging-based assessment of the often heterogeneous findings is essential to guide appropriate treatment. When the indication is appropriate and patellar maltracking is effectively addressed, both combined trochleoplasty with medial patellofemoral ligament (MPFL) reconstruction and patellofemoral arthroplasty can result in high patient satisfaction with favorable clinical and functional outcomes. The key to achieving these outcomes lies in precise bony correction, careful attention to soft tissue alignment, and a consistent early functional rehabilitation.
Keywords: Trochlea dysplasia, trochleoplasty, medial patellofemoral ligament; patellofemoral instability, patellofemoral osteoarthritis, patellofemoral arthroplasty
Citation: von Engelhardt LV: How can we achieve optimal outcomes with trochleoplasty? And how can experience with trochleoplasty contribute to favorable results in patellofemoral arthroplasty?
OUP 2026; 15: 126–134. DOI 10.53180/oup.2026.0126-0134
Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke & Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin, Klinikum Peine
Das Trochlea-Gleitlager
Das Verständnis der Trochleadysplasie ist ein hilfreiches Werkzeug zur Behandlung patellofemoraler Instabilitäten sowie retropatellarer Arthrosen. Normalerweise ist das knöcherne Gleitlager auch kranial tief geformt, so dass es auch bei Drehbewegungen des Oberschenkels die Patella effektiv stabilisiert. Bei der Trochleadysplasie ist es abgeflacht oder lateral erhöht bzw. konvex geformt, im Englischen spricht man von einem “bump“ (Abb. 1). Bei den Instabilitäten der Kniescheibe findet sich eine solche knöcherne Fehlbildung des Gleitlagers, die sog. Trochleadysplasie in > 85 % der Fälle [18, 33]. Auch bei der isolierten patellofemoralen Arthrose ist eine Trochleadysplasie sehr häufig. Neuere Daten zeigen für die isolierte patellofemorale Arthrose Häufigkeiten von 80 % bis nahezu 90 %. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung der Trochleadysplasie bei der Entstehung der patellofemoralen Arthrose [16, 19, 53].
Die gebräuchlichste bildgebende Einteilung der Trochleadysplasie wurde von Henri Dejour beschrieben. Er unterteilte die Schweregrade in die Typen A–D, welche am besten auf den Querschnitten in der Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie zu beurteilen sind [17]. Hier unterscheiden wir eine leichte Dysplasie Typ A mit einem vergrößerten Sulkuswinkel > 145° (Abb. 1a) und die schweren Formen Typ B–D. Bei den schweren Formen ist im oberen Bereich der Trochlea kein Sulcus mehr nachweisbar. Beim Typ B ist Gelenkfläche in den obersten Schichten flach (Abb. 1b). Ist die laterale Trochlea konvex geformt, spricht man vom Typ C (Abb. 1c). Findet sich in den obersten Schichten eine Stufe, handelt es sich um den Typ D (Abb. 1d). Bei allen schweren Formen geht die stabilisierende Funktion der lateralen Gelenkfläche verloren [17]. Der laterale Inklinationswinkel reduziert sich oder wird sogar negativ. Entscheidend für eine sichere Beurteilung ist, dass in den Schichtbildern ausschließlich die kranialen Schichten des Gleitlagers herangezogen werden. Ansonsten arbeitet man regelmäßig mit falsch negativen Befunden, so dass es zu einer fehlerhaften Beurteilung bzw. einer entsprechend fehlerhaften Therapieentscheidungen mit dem Patienten kommen kann.
Die Trochleadysplasie gilt als der häufigste, aber auch bedeutendste Risikofaktor für eine rezidivierende Luxation der Kniescheibe, wohingegen ein Patellahochstand oder eine erhöhte Distanz zwischen Gleitrinne und Ansatz des Patellarbandes (Tuberositas tibiae-Trochlear Groove Distanz, TT-TG) hinsichtlich Häufigkeit und Bedeutung zurückstehen [33]. Diverse Studien und Metaanalysen zeigen, dass v.a. die Trochleadysplasie Typ B–D im Rahmen einer stabilisierenden Operation adressiert werden sollte, um ein gutes Outcome sicherzustellen, Rezidivluxationen zu vermeiden und einer frühen Patellofemoralarthrose vorzubeugen [3, 21, 28, 49, 52, 59, 68].
Indikation zur Trochlea-plastik
Bei der Untersuchung sollte die Patella bei 20° und 30° Flexion nicht mehr als die Hälfte ihrer Breite lateralisierbar sein [58]. Liegt neben einem insuffizienten medialen patellofemoralen Ligament (MPFL) eine Trochleadysplasie vor, so ist die Translation nach lateral nicht nur in strecknahen Positionen, sondern auch bei leicht vermehrten Beugegraden zwischen 30° und 50° erhöht. In ausgeprägten Fällen kann die Kniescheibe kurz vor dem Erreichen der vollen Streckung nach außen abgleiten. Der Gleitweg ähnelt einem umgedrehten J, man spricht von einem positiven “J-Sign“ oder auch “jumping J-sign“. Auch die Apprehensiontests sind zur Beurteilung der weichteiligen sowie knöchernen Stabilität geeignet. Bewegt man das Knie von einer Beugung von maximal 30° in eine Vollstreckung und zeigt die Patientin bzw. der Patient unter leichter Lateralisation der Patella eine Abwehrreaktion, so gilt der Test als positiv. Nach dem weichteiligen Apprehensiontest in strecknahen Positionen folgt der knöcherne Abwehrtest bei höheren Beugegraden. Hier wird die Stabilität, die normalerweise durch die Trochlea gesichert wird, beurteilt. Ist der Apprehensiontest somit bei Beugegraden zwischen 30 und 50° positiv, so weist dies auf eine zusätzliche Insuffizienz der knöchernen Führung. Neben der häufigen Trochleadysplasie kann in solchen Fällen auch ein höhergradiger Rotations- oder Achsfehler zugrunde liegen. Als zweiten Schritt kann auch der sog. “moving patellar apprehensiontest“ nach Ahmad weiterhelfen. Dieser Test lässt sich nach dem weichteiligen und knöchernen Apprehension Test gut beurteilen, da er nun auf der verminderten Abwehrreaktion in den verschiedenen Beugegraden beruht. Hierzu wird die Kniescheibe beim Durchbewegen durch den Zeigefinger nach medial translatiert bzw. gehalten. Die Testung gilt als positiv, wenn die vorherige Apprehension-Symptomatik durch eine simulierte Stabilisierung der Kniescheibe abgeschwächt wird. Ahmad zeigte, dass dieser Test eine vglw. hohe Sensitivität aber auch eine hohe Spezifität bei der klinischen Diagnostik der Patellainstabilität aufweist [1]. Sind die knöchernen Stabilitäts- und Apprehensiontests positiv und finden sich korrespondierende bildgebende Befunde einer schweren Dysplasie, also Typ B bis D nach Dejour, empfiehlt sich eine knöcherne Containmentanpassung.
