Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026

Kindliche suprakondyläre Humerusfrakturen
Aktueller Stand von Klassifikation, Diagnostik und Therapie

Jonas Scheidig, Nina Renner, Johannes Krause, Johannes Groh, Mario Perl

Lernziele:

Nach der Lektüre dieses Artikels…

kennen Sie Epidemiologie und Pathomechanismen kindlicher suprakondylärer Humerusfrakturen.

können Sie die modifizierte Gartland-Klassifikation und die Klassifikation nach v. Laer anwenden.

erkennen Sie relevante neurovaskuläre Begleitverletzungen und leiten die korrekte Diagnostik ein.

wählen Sie evidenzbasiert zwischen konservativer Therapie und CRPP.

benennen Sie typische Früh- und Spätkomplikationen sowie deren Prävention.

Zusammenfassung:
Suprakondyläre Humerusfrakturen (supracondylar humerus fractures, SCHF) sind mit 13–18 % aller kindlichen Frakturen und ca. 60 % der Ellenbogenfrakturen die häufigsten Oberarmverletzungen im Kindesalter. Der Altersgipfel liegt zwischen 5 und 7 Jahren, wobei Jungen leicht häufiger betroffen sind. Über 95 % der Verletzungen entstehen als Extensionsfraktur nach Sturz auf die ausgestreckte Hand, seltener als Flexionsfraktur nach direktem Anprall auf den gebeugten Ellenbogen. Die modifizierte Gartland-Klassifikation (Typ I–IV) ist international etabliert und prognostisch relevant. Klinisch stehen Schmerzen, Schwellung und Deformität des Ellenbogens mit potenziellen neurologischen Einschränkungen und Gefäßschäden (N. medianus/anterior interosseus > radialis > ulnaris; A. brachialis) im Vordergrund. Die Basisdiagnostik umfasst die klinische neurovaskuläre Beurteilung sowie a.p.- und seitliche Röntgenaufnahmen mit Kontrolle der anterior humeral line und des Baumann-Winkels (normal 64–81°). Therapeutisch werden stabile, undislozierte Typ I-Frakturen konservativ mit Oberarm-Gips behandelt. Dislozierte Frakturen (Typ II–IV) erfordern in der Regel die geschlossene Reposition und perkutan-Kirschner-Draht-Osteosynthese (CRPP). Lateral eingebrachte Pins minimieren das Ulnaris-Risiko, gekreuzte Pins erhöhen die Primärstabilität. Aktuelle Evidenz spricht für ein individualisiertes Vorgehen. Offene Repositionen und Fixationen sind Ausnahmen (z.B. sekundäre Instabilität, irreponible Frakturen). Frühkomplikationen beinhalten akute Gefäßläsionen, Kompartmentsyndrom und iatrogene Nervenverletzungen. Spätkomplikationen sind v.a. Cubitus-varus/-valgus-Deformitäten. Bei adäquater Therapie erzielen > 95 % der Kinder exzellente funktionelle Ergebnisse.

Schlüsselwörter:
Suprakondyläre Humerusfraktur, Gartland-Klassifikation, v. Laer-Klassifikation, geschlossene
Reposition, perkutane K-Draht-Osteosynthese, Baumann-Winkel, Cubitus-varus-Deformität

Zitierweise:
Scheidig J, Renner N, Krause J, Groh J, Perl M: Kindliche suprakondyläre Humerusfrakturen.
Aktueller Stand von Klassifikation, Diagnostik und Therapie
OUP 2026; 15: 38–46
DOI 10.53180/oup.2026.0038-0046

Summary: Supracondylar humerus fractures (SCHF) are the most common upper arm injuries in children, accounting for 13–18 % of all childhood fractures and around 60 % of elbow fractures. The peak age is between 5 and 7 years, with boys being slightly more frequently affected. Over 95 % of injuries occur as extension fractures after falling onto an outstretched hand, less commonly as flexion fractures after direct impact on the bent elbow. The modified Gartland classification (types I–IV) is internationally established and prognostically relevant. Clinically, the main symptoms are pain, swelling and deformity of the elbow with potential neurological deficits and vascular damage (median nerve/anterior interosseous > radial > ulnar; brachial artery). Basic diagnostics include clinical neurovascular assessment as well as anteroposterior and lateral X rays, with checking of the anterior humeral line and Baumann’s angle (normal 64–81°). Stable, undisplaced type I fractures are treated conservatively with an upper arm cast. Displaced fractures (types II–IV) usually require closed reduction and percutaneous Kirschner wire osteosynthesis (CRPP). Laterally inserted pins minimise the risk of ulnar nerve injury, while crossed pins increase primary stability. Current evidence supports an individualised approach. Open reduction and fixation procedures are exceptions (e.g. secondary instability, irreducible fractures). Early complications include acute vascular injury, compartment syndrome and iatrogenic nerve injuries. Late complications mainly include cubitus varus/valgus deformity. With adequate treatment, > 95 % of children achieve excellent functional results.

Keywords: Supracondylar humerus fracture, pediatric trauma, Gartland classification, v. Laer-Classification, neurovascular complications, closed reduction, percutaneous pinning, Baumann’s angle, cubitus varus deformity

Citation: Scheidig J, Renner N, Krause J, Groh J, Perl M: Pediatric supracondylar humerus fractures. Current concepts in classification, diagnosis and management
OUP 2026; 15: 38–46. DOI 10.53180/oup.2026.0038-0046

Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Universitätsklinikum Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen

Hintergrund und
Epidemiologie

SCHF machen etwa 13–18 % aller kindlichen Frakturen und ~ 60 % der Ellenbogenfrakturen im Kindesalter aus [1, 2]. Der Altersgipfel liegt bei 5–7 Jahren, Jungen sind in den meisten Kohorten geringfügig häufiger betroffen (? 55–60 %) [2].

Pathoanatomie und
Verletzungsmechanismus

Die ossären Wachstumszentren des Ellenbogengelenks erscheinen in einem streng reproduzierbaren CRITOE-Muster (Capitulum ~ 1 J., Radiuskopf ~ 3–6 J., medialer Epicondylus ~ 4–7 J., Trochlea & Olecranon ~ 8–10 J., lateraler Epicondylus ~ 10–12 J.). Während dieser Phase verschmelzen Capitulum, Trochlea und lateraler Epicondylus erst um das 12.–14. Lebensjahr, sodass die suprakondyläre Metaphyse bis dahin überwiegend aus dünner, trabekulärer Kortikalis besteht. Um das 6.–7. Lebensjahr durchläuft dieser Bereich eine Umbauphase, in der die Knochenstruktur besonders filigran und frakturanfällig ist. Im Querschnitt hat der distale Humerus eine hantelförmige Gestalt: Zwei kräftige Säulen (medial und lateral) sind durch eine papierdünne knöcherne Lamelle zwischen Olecranon- und Fossa coronoidea verbunden. Diese Architektur führt zu einer Belastungskonzentration, wodurch selbst moderate axiale oder Biegekräfte hier schnell zur Fraktur führen [3–5].

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