Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Kindliche suprakondyläre HumerusfrakturenAktueller Stand von Klassifikation, Diagnostik und Therapie
Die Immobilisierung wird in der Regel für insgesamt 3–4 Wochen beibehalten. Im Anschluss erfolgt die Abnahme des Gipsverbands bzw. der Schlinge. Letztere durchschnittlich nach 3 Wochen (Range 21–28 Tage) mit sofortigem Beginn aktiver Bewegungsübungen. Unter Gipsbehandlung beginnt die Mobilisierung nach Gipsabnahme; unter der Blount-Schlinge ist bereits während der Hangierungsphase eine vorsichtige Bewegungszunahme möglich.
Ergebnisse
Bei richtiger Indikationsstellung und engmaschiger Überwachung liefert die konservative Therapie ausgezeichnete Resultate für stabile Typ IIA-Frakturen. Eine systematische Übersichtsarbeit (2025) mit über 1000 Patientinnen und Patienten berichtet eine sekundäre Dislokationsrate von nur ~ 7 % und exzellente funktionelle Ergebnisse (Flynn-Score „excellent“ bei ~ 93 % der Fälle). Kinkpé et al. erzielten in 67 Fällen 81 % sehr gute und 19 % gute klinische Resultate, ohne dauerhafte Nervenverletzungen. Auch andere Serien zeigen hohe Erfolgsraten bei Typ II Frakturen (z.B. 94 % gute/exzellente Ergebnisse bei Gartland II, 73 % bei III). Entscheidend ist die konsequente Patientenselektion: Schon geringe Rotationsfehlstellungen oder koronale Achsabweichungen (v. Laer IIb) erhöhen das Versagensrisiko beider konservativer Methoden deutlich und sprechen eher für eine primäre CRPP. Bei Anwendung der Blount-Schlinge muss die tägliche Flexionssteigerung dokumentiert werden; steigende Schmerzen, Sensibilitätsstörungen oder verlängerte Rekapillarisierung erfordern den Abbruch. Unabhängig vom Verfahren gilt der 7. Tag als kritischer „Sicherungszeitpunkt“ – das Kontrollröntgen entscheidet dann über Fortführung oder sekundäre Drahtosteosynthese. Damit bleibt die konservative Therapie – korrekt angewandt und streng überwacht – eine valide Option für stabile Gartland IIA-Frakturen. Die Blount-Schlinge bietet eine zusätzliche indirekte Korrekturmöglichkeit, ist aber hauptsächlich im deutsch- und französischsprachigen Raum etabliert, während internationale Empfehlungen bevorzugt den gut modellierten Oberarmgips vorsehen [39–42].
Operative Therapie
Indikationen
Absolute OP-Indikationen sind alle instabilen Frakturen (Gartland IIB, III und IV), insbesondere bei Begleitverletzungen von Gefäßen oder Nerven (pulslose Hand oder progrediente Nervenausfälle). Auch Flexionstyp-Frakturen, offene Frakturen, komplexe Verletzungsmuster wie der „floating elbow“ sowie mangelnde Compliance (z.B. unzuverlässige Eltern) sollten primär operativ versorgt werden. Ferner besteht eine OP-Indikation bei sekundärer Dislokation unter konservativer Behandlung (Verlust der Reposition im Gips/Schlinge).
Technik – Geschlossene
Reposition und perkutane
Pinning-Osteosynthese (CRPP)
Der Arm wird in Rückenlage auf dem durchleuchtungsfähigen Tisch gelagert (Unterarm supiniert). Nach großzügiger manueller Längszug-Einstellung werden Frakturmanöver durchgeführt: Hyperflexion im Ellenbogen, simultaner dorsaler Druck auf das distale Fragment, ggf. kombiniert mit Pronation (bei posteromedialer Dislokation) bzw. Supination (bei posterolateraler Dislokation), um das intakte Periost-Hinge auszunutzen. Ist die Achs- und Rotationsstellung geschlossen zufriedenstellend, erfolgt die Fixierung mit 2–3 glatten Kirschner-Drähten (Durchmesser 1,6–2,0 mm) unter Bildwandler-Kontrolle.
Pin-Konfiguration
Grundsätzlich stehen 2 Bohrdraht-Konfigurationen zur Auswahl – 2 lateral eingebracht oder gekreuzt (je 1 Draht medial und lateral). Biomechanisch wurde auch eine Dreipunkt-Fixierung mit 3 lateralen Drähten untersucht. Die Vor- und Nachteile lassen sich vereinfachend zusammenfassen [43, 44]:
Rein lateral (2 Drähte, parallel oder divergent)
Kein Kontakt zum N. ulnaris, somit praktisch kein Ulnarisrisiko. Die primäre Rotationsstabilität ist etwas geringer als bei gekreuzter Konfiguration. Eine prospektive Interventionsstudie (n = 60) berichtete 0 % Ulnarisparesen im lateral-Pinning vs. 3,3 % bei gekreuztem Pinning bei vergleichbaren funktionellen Ergebnissen.
Gekreuzt (medial + lateral)
Erhöhte Torsionsstabilität (geringere Rotationsgefahr), jedoch 2–6 % Risiko einer iatrogenen Ulnarisläsion (bei medialem Bohrdraht). In neueren Studien ergab sich kein funktioneller Vorteil gekreuzter Drähte; aufgrund des Ulnarisrisikos wird daher zunehmend die laterale Methode bevorzugt. Bei unvermeidlichem medialem Draht sollte dieser immer mini-offen (mit kleinem Hautschnitt und Palpation des N. ulnaris) eingebracht werden.
Drei lateral (trianguläre Konfiguration)
Biomechanisch nahezu gleichwertig zur gekreuzten Pinung, aber ohne Ulnarisrisiko. Allerdings verlängert ein dritter Draht die OP-Dauer und es liegen bislang nur In-vitro-Tests und kleine Fallserien (Evidenz Level III) dazu vor.
In der Praxis werden – je nach Frakturtyp und Stabilität – entweder 2 Drähte lateral oder 2 gekreuzt eingebracht. Ist ein medialer Draht erforderlich, empfiehlt sich, wie erwähnt, eine kleine Inzision und Präparation, um den N. ulnaris sicher zu schützen. In der Bildwandler-Kontrolle (a.p. und lateral) gelten als Zielkriterien: ein Baumann-Winkel innerhalb ± 5° zur Gegenseite sowie eine zentral durch das Capitulum ziehende AHL (Rogers-Linie). Diese Parameter sichern eine anatomiegerechte Reposition.
Exponierte vs. versenkte Drähte
Üblicherweise werden die Kirschner-Drähte nach außen überstehend belassen und später ohne Narkose entfernt. Das Versenken der Drahtenden unter der Haut soll theoretisch Infektionen vorbeugen, erfordert aber immer einen zweiten Eingriff zur Drahtentfernung. Eine RCT von 2025 fand tatsächlich eine Reduktion oberflächlicher Pin-Track-Infektionen von 27,5 % (exponiert) auf 12,5 % (versenkt), tiefe Infektionen traten in beiden Gruppen gleich selten (~ 2 %) auf. Ein großer Meta-Review (1854 Kinder) bestätigte, dass versenkte Drähte das gesamte Infektionsrisiko etwa halbieren – jedoch benötigten 84 % dieser Patientinnen und Patienten eine Zweit-OP in Anästhesie und es traten bei 13 % Hauterosionen durch die versenkten Drähte auf. Eine Kostenanalyse aus Boston ergab, dass der Verzicht auf versenkte Drähte pro Patientin bzw. Patient ~ 3400 USD und eine zusätzliche Vollnarkose einspart, ohne die Komplikationsrate zu erhöhen. Zusammengefasst: Versenkte Drähte reduzieren oberflächliche Infektionen, gehen aber mit höherem Aufwand und fast immer einer zweiten Narkose einher. Die Entscheidung sollte individuell (abhängig von Infektionsrisiko, Wundzustand, Transportwegen etc.) getroffen werden [50, 63, 64].
