Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Kindliche suprakondyläre HumerusfrakturenAktueller Stand von Klassifikation, Diagnostik und Therapie
Ein Cubitus varus begünstigt Jahre später das Auftreten eines Sulcus-ulnaris-Syndroms (chronische Irritation des N. ulnaris am medialen Epicondylus). Diese „tardy ulnar palsy“ ist insgesamt selten (< 1 %), tritt aber fast ausschließlich bei Patientinnen und Patienten mit persistierender Varusfehlstellung auf. Bei Symptomen (Parästhesien ulnarseitig, Kraftminderung) sollte eine korrektive Osteotomie zur Achsnormalisierung erwogen werden, um den Nervendruck zu beseitigen.
Prävention
Die genannten Maßnahmen zur Vermeidung von Komplikationen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: sorgfältige Reposition unter Bildwandler-Kontrolle (Baumann-Winkel und AHL überprüfen), bevorzugt laterale Pinning-Technik (2–3 Drähte) und falls mediales Pinning nötig, nur mit offenem Schutz des N. ulnaris, strikte sterile Pin-Pflege mit regelmäßigen Verbandswechseln, engmaschiges Monitoring der Durchblutung und Motorik post OP (anfangs alle 15–30 min), sowie frühzeitige Mobilisation nach Drahtentfernung.
Nachbehandlung und
Prognose
Nach geschlossener Reposition und CRPP wird der Arm typischerweise in einer Oberarmschiene oder einem gut gepolsterten Oberarmgips bei ~ 60–70° Flexion und neutraler Unterarmrotation gelagert. Bei unkompliziertem Verlauf können die Drähte nach 3–4 Wochen ambulant und in der Regel ohne Sedierung entfernt werden. Eine prospektive Studie (2025) fand keinen Unterschied im Outcome, ob in den ersten 3 Wochen zusätzliche Klinikvorstellungen oder planmäßige Pin-Track-Kontrollen durchgeführt wurden – beides brachte keinen nachweisbaren Nutzen [54]. Demnach genügen eine Abschlussuntersuchung und Röntgenkontrolle zur Drahtentfernung. Das Schmerzmanagement erfolgt mit oralen Analgetika, stärkere Maßnahmen sind selten erforderlich. Eine US-Studie empfiehlt bei ängstlichen Kindern Ablenkungsstrategien für die Drahtentfernung, da der Eingriff kurz, aber psychisch belastend sein kann [55].
Aktive Bewegungsübungen sollen sofort nach Pin-Entfernung begonnen werden. Ein RCT von Schmale et al. zeigte keinen Vorteil einer Physiotherapie gegenüber einem angeleiteten Heimübungsprogramm hinsichtlich Alltagsfunktionen, Sport-Rückkehr oder Bewegungsumfang. In einer Längsschnittserie (n = 121) wurden ~ 72 % des kontralateralen Bewegungsumfangs nach 6 Wochen, ~ 86 % nach 12 Wochen, ~ 94 % nach 26 Wochen und ~ 98 % nach 1 Jahr erreicht. Folglich ist Physiotherapie nur bei Kindern indiziert, die 6 Wochen post OP < 10° Bewegungsgewinn erzielen, wesentliche neurologische Komorbiditäten (z.B. infantile Zerebralparese) haben oder nach offener Reposition sekundäre Weichteiladhäsionen entwickeln [56, 57].
Die Rückkehr zu Alltagsaktivitäten und sportlicher Belastung erfolgt erstaunlich früh: Mehrere Studien und Leitlinien heben hervor, dass Schulsport und Spielen ab Woche 6 post OP sicher wieder möglich sind, sofern eine schmerzfreie, volle Funktionsfähigkeit besteht. Routinemäßige Röntgenkontrollen darüber hinaus ändern das Management nicht und sind verzichtbar. Auf Kontaktsportarten (z.B. Fußball, Klettern) sollte gewartet werden, bis die Beweglichkeit komplett und die Kraft seitengleich zurückgekehrt ist – meist nach etwa 8–10 Wochen [58].
Die Flynn-Kriterien (Schwenkwinkel-Differenz und Bewegungsdefizit, jeweils in °) sind weiterhin Goldstandard zur Beurteilung des Ergebnisses:
< 5° Differenz = „excellent”
< 10° = „good”
< 15° = „fair”, ? 15° = „poor”
Eine Meta-Analyse von 2023 (n = 2418) berichtete 92 % exzellente und 6 % gute Gesamtergebnisse nach CRPP. Verschiedene Faktoren können das Langzeit-Outcome beeinflussen: In einer aktuellen prospektiven Studie führten hochgradige Frakturen (Gartland III/IV) zu etwas längerer Rehabilitation und häufigerem Restvarus.
Residuale Rotationsfehler oder eine Baumann-Winkel-Abweichung > 5° post OP gingen in einer Fall-Kontroll-Studie signifikant mit häufigeren Korrekturosteotomien und kosmetischen Defiziten einher. Kombinierte Verletzungen wie ein „floating elbow“ oder initiale Gefäßläsionen erhöhten in einer Analyse eines Level-I-Trauma-Centers das Kompartmentsyndromrisiko und verlängerten die Rehabilitationsdauer. Insgesamt erreichen jedoch mit adäquatem Management > 95 % der Kinder innerhalb von 3–6 Monaten wieder volle Alltags- und Sportfähigkeit, einen unauffälligen Ellenbogen (ohne nennenswerte Achsfehlstellung) und normale Kraft. Spätkorrekturen (meist Varus-Osteotomien) werden nur bei < 2 % erforderlich [59–62].
Interessenkonflikte:
Keine angegeben
Das Literaturverzeichnis zu
diesem Beitrag finden Sie auf:
www.online-oup.de.
Korrespondenzadresse
Dr. med. Jonas Scheidig
Universitätsklinikum Erlangen
Unfallchirurgische und Orthopädische Klinik
Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg
Krankenhausstr. 12
91054 Erlangen
jonas.scheidig@uk-erlangen.de
CME-Fragen:
1. Welche Aussage zur Epidemiologie suprakondylärer Humerusfrakturen trifft zu?
Sie betreffen überwiegend Säuglinge < 1 Jahr.
Der Altersgipfel liegt zwischen 5 und 7 Jahren.
Mädchen sind doppelt so häufig betroffen wie Jungen.
< 5 % aller Ellenbogenfrakturen im Kindesalter sind suprakondylär.
Sie treten primär als Flexionsfrakturen auf.
2. Die Rogers-Linie (Anterior-Humeral-Line) wird gemessen auf …
der true-a.p.-Projektion des Ellenbogens.
der streng lateralen 90°-Aufnahme des Ellenbogens.
der trans-epicondylären intraoperativen Kontrolle.
einem Schrägbild mit 45° Innenrotation.
einer Computertomografie-Rekonstruktion.
3. Welcher Nerv ist präoperativ am häufigsten paretisch?
N. ulnaris
N. medianus / Anterior-Interosseus-Ast
N. musculocutaneus
N. axillaris
N. tibialis
4. Eine „pink pulseless hand“ nach Reposition und Pinning wird laut Leitlinien zunächst…
