Übersichtsarbeiten - OUP 01/2026
Kindliche suprakondyläre HumerusfrakturenAktueller Stand von Klassifikation, Diagnostik und Therapie
Zunächst sind tastbare Radialis- und Ulnarispulse zu prüfen (ggf. Doppler-Ultraschall bei Unsicherheit), Kapillarfüllung am Fingerendglied, sowie Handtemperatur und -farbe zu dokumentieren. Anschließend erfolgt der motorische Nerventest – am besten mittels 3 kindgerechter Handgesten (für 5-Jährige meist zuverlässig). Hierzu lässt man das Kind ein „OK-Zeichen“ machen (Zeigefinger-Endglied und Daumen bilden einen Kreis) zur Überprüfung von N. medianus bzw. N. interosseus anterior (Beugung von Daumen-Endglied und Zeigefinger-Endglied). Mit „Daumen hoch“ wird die Streckung im Daumen-IP-Gelenk und Finger-MCP-Gelenken getestet – Funktion von N. radialis bzw. Ramus profundus (PIN). Das gespreizte Finger-V (wie ein „Papageienschnabel“) prüft die Funktion der Mm. interossei (Fingerabduktion) und damit den N. ulnaris. Diese einfachen Tests werden international empfohlen, da sensorische Prüfungen im Kindesalter unzuverlässig sein können [20, 21].
Wichtig
Der komplette NV-Status muss vor jeder Manipulation/Reposition sowie unmittelbar danach erhoben und dokumentiert werden. So lassen sich bereits bestehende von repositionsassoziierten Defiziten unterscheiden.
Akute Nervenläsionen
Prospektive Studien zeigen bei 10–20 % der dislozierten SCHF eine primäre Nervenverletzung. In 60–70 % betrifft dies den N. medianus bzw. seinen motorischen Ast (N. interosseus ant.), gefolgt vom N. radialis (15–25 %) und N. ulnaris (5–10 %) [22, 23]. Über 90 % sind Neuropraxien ohne Kontinuitätsschaden, die spontan binnen 3–4 Monaten remittieren. Eine operative Nerven-Exploration ist nur indiziert bei ausbleibender Erholung (kein Funktionsrückgewinn nach > 3–6 Monaten) oder progredienten Ausfällen (z.B. neu aufgetretene Lähmung nach Reposition). Iatrogene Ulnarisverletzungen entstehen fast ausschließlich durch einen medial eingebrachten Draht. Die Literatur gibt eine Gesamtrate von ~ 4 % an; ~ 91 % dieser Läsionen regenerieren ohne Revisionseingriff (frühes Drahtziehen bietet keinen klaren Vorteil) [20].
Gefäßkompromittierung – „pink pulseless hand“
Vaskuläre Verletzungen (meist Intimaeinriss oder arterielle Einklemmung) treten bei ~ 5–10 % der dislozierten Frakturen auf. Bei einem pulslosen, blassen und kalten Arm besteht sofortiger Handlungsbedarf: Hier ist die geschlossene Reposition mit Drahtfixation ein absoluter Notfall (< 2 h). Bleibt der Arm nach Reposition weiterhin pulslos und schlecht durchblutet, ist umgehend eine gefäßchirurgische Exploration einzuleiten. Demgegenüber liegt bei ~ 2–4 % der Fälle nach Reposition eine „pink pulseless hand“ (PPH) vor – also trotz fehlendem Puls ein rosiger, warmer Arm. In dieser Situation wird gemäß Leitlinien keine sofortige Operation durchgeführt, sondern engmaschig überwacht: Initial kann in ~ 70 % der Fälle durch Reposition und KDraht-Fixation der Puls unmittelbar wiederhergestellt werden. Persistiert die Pulslosigkeit bei ansonsten guter Perfusion, wird “Watchful Waiting” unter Duplex-Doppler-Kontrolle empfohlen (anfangs alle 15 Minuten, im Verlauf stündlich), da in neueren Serien eine spätere Ischämie sehr selten auftritt. Zeigen sich jedoch Zeichen einer Durchblutungsverschlechterung (zunehmender Schmerz, Sensibilitätsverlust, Rekapillarisierung > 3 s), so ist sofort zu explorieren [22, 24, 25].
Akutes Kompartmentsyndrom
Dieses gefürchtete Syndrom ist mit ~ 0,3–0,5 % Inzidenz bei suprakondylären Frakturen zwar sehr selten, kann aber im Extremfall zu dauerhaften Schäden führen. Risikofaktoren sind vor allem kombinierte Gefäß- oder Nervenverletzungen sowie das „floating elbow“ (gleichzeitige ipsilaterale Fraktur des Unterarms). Frühe klinische Warnzeichen bei Kindern sind Unruhe, steigender Analgetikabedarf und starker Schmerz bei passiver Fingerstreckung. Die klassischen 6 P (Pain, Paleness, Pulselessness, Paralysis, Paresthesia, “Perishingly cold”) manifestieren oft erst im Spätstadium. Entscheidend ist, dass die Diagnose klinisch gestellt wird – ein möglicher Kompartmentsyndromverdacht darf nicht durch langwierige apparative Diagnostik (z.B. Invasivdruckmessung) hinausgezögert werden. Bei begründetem Verdacht muss sofort die Entlastungsfasziotomie erfolgen [26].
Dokumentation und
Überwachung
Sämtliche neurovaskulären Befunde sind in einem standardisierten Schema zu erfassen (z.B. im POSNA-Worksheet). Nach Reposition/CRPP erfolgen engmaschige Durchblutungs- und Motorik-Kontrollen – in den ersten 2 Stunden alle 15 Minuten, dann stündlich bis mindestens 24 Stunden postoperativ. So werden Frühänderungen erkannt und z.B. ein beginnendes Kompartmentsyndrom nicht übersehen. Persistierende motorische Paresen werden ab ~ 6 Wochen posttraumatisch mittels Verlaufselektromyografie beobachtet. Dieses strukturierte Vorgehen erlaubt ein risikoadaptiertes Management und trägt dazu bei, irreversible Folgeschäden zu minimieren.
Diagnostik und Bildgebung
Die Bildgebung verfolgt 4 Hauptziele: Frakturbestätigung, Abschätzung von Dislokationsrichtung und Stabilität, Erkennen neurovaskulärer Begleitverletzungen und strahlenarme Verlaufskontrolle. Gegenwärtig stellen klinische Untersuchung und konventionelles Röntgen in 2 Ebenen (true a.p. und streng lateral) den Standard dar. Der Einsatz von Ultraschall nimmt jedoch zu und ist in der Kindertraumatologie eine wertvolle Ergänzung (siehe auch Beitrag „Bildgebung in der Kinder- und Jugendtraumatologie“ in dieser Ausgabe). Weiterführende Verfahren wie CT, MRT oder CT-Angiografie sind nur bei spezifischen Fragestellungen indiziert (z.B. Gelenkfraktur im Adoleszentenalter, Gefäßabklärung).
Konventionelles Röntgen
Für eine adäquate Beurteilung muss der Ellenbogen korrekt positioniert sein (true a.p.: Schulter 90° abduziert, Unterarm supiniert; true lateral: Oberarm und Unterarm in 1 Ebene, Ellenbogen 90° gebeugt). Wichtigste radiologische Parameter sind:
