Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026

Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL)
Wie erreichen wir konservativ, operativ und mit Physiotherapie gute Ergebnisse?Welche Vorteile bieten implantatfreie, ausbalancierte Techniken einer anatomischen MPFL-Plastik?

Lars Victor von Engelhardt

Zusammenfassung:
Die laterale Patellaluxation gehört zu den häufigeren Verletzungen des Kniegelenks bei jungen und sportlich aktiven Patientinnen und Patienten. In mehr als 90 % der Fälle kommt es zu einer Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL). Dieses Band ist der wichtigste passive Stabilisator gegen eine laterale Verschiebung der Patella. Eine Luxationsverletzung und/oder anhaltende Instabilitäten der Kniescheibe können zu Knorpelschäden, osteochondralen Frakturen, wiederkehrender Instabilität, Schmerzen, Verlust der Sportfähigkeit sowie verminderter Alltagsaktivität führen und langfristig in eine patellofemorale Arthrose münden. Trochleadysplasien, andere knöcherne Fehlbildungen sowie Schäden der kniescheibenstabilisierenden Bandstrukturen stellen wichtige Ursachen dieser Problematik dar. Eine isolierte MPFL-Plastik ist daher nach umfassender Diagnostik nur in ausgewählten Fällen indiziert. Bei korrekter Indikationsstellung stellt sie jedoch ein wertvolles und vergleichsweise schonendes Standardverfahren dar.
In den letzten Jahren wurden zahlreiche operative Techniken beschrieben. Diese unterscheiden sich vor allem hinsichtlich der Fixationsmethoden, der Transplantatwahl und Formation, der Umsetzung einer anatomischen Rekonstruktion sowie der intraoperativen Spannungseinstellung des Transplantats. Ziel dieses Beitrags ist es, unsere Technik der anatomischen MPFL-Rekonstruktion unter Verwendung von Hamstringsehnen oder Allografts vorzustellen. Diese Technik ist nicht nur als Einzelverfahren, sondern ebenso unkompliziert in Kombination mit anderen Verfahren, wie der Trochleaplastik, Gelenkersatzoperationen, Kreuzbandersatzplastiken, etc. durchführbar. Eine Besonderheit der Methode ist die implantatfreie Fixation einer doppelläufigen Transplantatschlinge. Die femorale Fixation erfolgt – neben einem langen Loop durch die Patella – über transkortikale Fäden. Ein zentrales Element der Technik ist die einfache intraoperative funktionelle Testung und Spannungsbalancierung vor der endgültigen Fixation des Transplantats.
Neben einer Darstellung der konservativen und operativen Behandlungsmöglichkeiten wird unsere Operationstechnik detailliert beschrieben. Darüber hinaus werden die postoperative Rehabilitation sowie aktuelle wissenschaftliche Daten zur MPFL-Rekonstruktion und zu möglichen Vorteilen unserer Methode dargestellt.

Schlüsselwörter:
Mediales patellofemorales Ligament, patellofemorale Instabilität, Patellaluxation, Physiotherapie, konservativ, operativ

Zitierweise:
von Engelhardt LV: Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL). Wie erreichen wir konservativ, operativ und mit Physiotherapie gute Ergebnisse? Welche Vorteile bieten implantatfreie, ausbalancierte Techniken einer anatomischen MPFL-Plastik?
OUP 2026; 15: 116–125
DOI 10.53180/oup.2026.0116-0125

Abstract: Lateral patellar dislocation is among the more common injuries of the knee joint in young and physically active patients. In more than 90 % of cases, rupture of the medial patellofemoral ligament (MPFL) occurs. This ligament represents the most important passive stabilizer against lateral displacement of the patella. A dislocation injury and/or persistent instability of the patella may lead to cartilage damage, osteochondral fractures, recurrent instability, pain, loss of the ability to participate in sports, and reduced daily activity, and may ultimately result in patellofemoral osteoarthritis. Trochlear dysplasia, other bony abnormalities, and injuries of the patellar stabilizing ligamentous structures represent important causes of this condition. Therefore, isolated MPFL reconstruction is indicated only in selected cases after comprehensive diagnostic evaluation. When appropriately indicated, however, it represents a valuable and comparatively minimally invasive standard procedure.
In recent years, numerous surgical techniques have been described. These techniques differ mainly with regard to fixation methods, graft choice and configuration, the implementation of anatomical reconstruction, and intraoperative graft tensioning. The aim of this article is to present our technique of anatomical MPFL reconstruction using hamstring tendons or allografts. This technique can be performed not only as a standalone procedure, but also easily in combination with other procedures such as trochleoplasty, joint replacement surgeries, cruciate ligament reconstruction, etc. A particular feature of this method is the implant-free fixation of a double-bundle graft loop. Femoral fixation is achieved—besides a long loop through the patella—using transcortical sutures. A central element of the technique is simple intraoperative functional testing and tension balancing prior to definitive graft fixation. In addition to outlining conservative and surgical treatment options, our operative technique is described in detail. Furthermore, postoperative rehabilitation protocols and current scientific data on MPFL reconstruction and the potential advantages of our method are presented.

Keywords: Medial patellofemoral ligament, patellofemoral instability, patellar dislocation, physiotherapy, conservative treatment; surgical treatment

Citation: von Engelhardt LV: Rupture of the medial patellofemoral ligament (MPFL). How can good outcomes be achieved through conservative treatment, surgery, and physiotherapy? What are the advantages of implant-free, balanced techniques for anatomical MPFL reconstruction?
OUP 2026; 15: 116–125. DOI 10.53180/oup.2026.0116-0125

Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke & Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin, Klinikum Peine

Das mediale patellofemorale Ligament

Um die Funktion dieses Bandes zu verstehen, ist es hilfreich, sich den Gleitweg der Kniescheibe vor Augen zu führen. Beim Übergang von der Beugung in die Streckung gleitet die Kniescheibe aus der Tiefe des knöchernen Sulkus nach proximal. In den strecknahen Positionen, insbesondere oberhalb von etwa 30° Kniebeugung, liegt die Kniescheibe aufgrund der zunehmenden Außenrotation der Tibia weiter nach lateral und gleichzeitig höher an den Femurkondylen. In diesen Positionen verliert die Kniescheibe zunehmend den Kontakt zur knöchernen Gleitrinne. In strecknahen Positionen erfolgt die Führung der Kniescheibe daher überwiegend über weichteilige Strukturen, insbesondere über das mediale patellofemorale Ligament (MPFL) (Abb. 1a). Das MPFL verläuft vom oberen Drittel der medialen Patella zum medialen Femurkondylus, wo es direkt oberhalb der Insertion des medialen Kollateralbandes ansetzt [5]. Das MPFL gilt als der wichtigste passive Stabilisator der Patella in den ersten 30° der Kniebeugung und trägt etwa 50–60 % zur Stabilität gegenüber einer lateralen Patellaverschiebung bei [5, 31].

Luxation der Kniescheibe

SEITE: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7