Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL)Wie erreichen wir konservativ, operativ und mit Physiotherapie gute Ergebnisse?Welche Vorteile bieten implantatfreie, ausbalancierte Techniken einer anatomischen MPFL-Plastik?
Anschließend erfolgt die Präparation des femoralen Ansatzpunktes des MPFL. Hierbei ist es wichtig die anatomische Insertion des MPFL am Femur exakt zu identifizieren. Daher empfehlen wir, den femoralen Insertionspunkt nicht nur palpatorisch, sondern zusätzlich im seitlichen Röntgen zu bestimmen. Hierbei verwenden wir die Methode nach Schöttle et al. (Abb. 3d) [73]. In unserer Technik wird nach Identifikation der Insertion ein K-Draht leicht ansteigend in Richtung des lateralen Gegenkortex vorgebohrt. Anschließend wird ein Blindtunnel zur Aufnahme des Transplantats und zur späteren Spannungseinstellung angelegt (Abb. 3e). Nach Passage zweier Ösendrähte, die vom blinden Ende des Tunnels divergierend von medial nach lateral durch den Femur geführt werden (Abb. 3f), werden die beiden Transplantatenden in den Blindtunnel eingezogen und die Armierungsfäden durch den lateralen Femurkortex ausgeleitet (Abb. 3g,h,i).
Im letzten Schritt werden die Fadenpaare auf dem lateralen Kortex über der Knochenbrücke zwischen den beiden Drahtaustrittsstellen zusammengeführt und angezogen (Abb. 3j). Anschließend erfolgt eine temporäre Fixation bei etwa 30° Kniebeugung mit einem Knotenschieber und einem einfachen Halbschlag, der mit einem Nadelhalter gesichert wird. Darauf folgt die individuelle und dynamische Spannungsprüfung. Erst wenn das Gleiten der Patella im Gleitlager einen regelrechten Quadrantentest zeigt und keine Überspannung in unterschiedlichen Beugegraden erkennbar ist, erfolgt die definitive Fixation mit einem Knotenschieber und zusätzlichen Halbschlägen (Abb. 3k,l). Unserer Erfahrung nach sowie entsprechend unseren klinischen Nachuntersuchungen stellt diese Methode der Weichteil-Alignment-Einstellung eine hilfreiche Unterstützung dar, um ein gutes funktionelles Ergebnis zu erreichen [88, 91].
An dieser Stelle ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass bei Patientinnen und Patienten mit offenen Wachstumsfugen Verletzungen der Physe vermieden werden sollten. Obwohl die femorale MPFL-Insertion im seitlichen Röntgenbild nachweislich distal der medialen Wachstumsfuge liegt [21], erscheint sie auf lateralen Röntgenaufnahmen häufig proximal oder auf Höhe der Physe. Dies lässt sich durch die konkave Krümmung der distalen femoralen Wachstumsfuge erklären. Daher ist bei der Durchführung anatomischer MPFL-Rekonstruktionen bei noch offenen Wachstumsfugen zusätzlich eine anterior-posteriore Röntgenaufnahme erforderlich. Zudem sollte die Platzierung für das Transplantat leicht distal von der Physe weggeneigt erfolgen [58]. Letztlich ist es wichtig, bei offenen Wachstumsfugen modifizierte operative Techniken zu verwenden.
Nachbehandlung nach MPFL-Rekonstruktion
Ein aktueller Reviewartikel, der verschiedene Nachbehandlungskonzepte nach MPFL-Plastik untersucht hat, zeigt, dass bislang kein Konsens über ein einheitliches Rehabilitationsprogramm besteht. Vielmehr findet sich ein breites Spektrum an Protokollen, das von sehr konservativen Ansätzen mit sehr langsamer Steigerung der Belastung und des Bewegungsumfangs bis hin zu rasch voranschreitenden, nahezu unlimitierten Rehabilitationsprogrammen reicht [41].
Für uns stellt eine rasche postoperative Rehabilitation einen entscheidenden Bestandteil der erfolgreichen Behandlung der patellofemoralen Instabilität dar. Ein besonderer Schutz der rekonstruierten medialen Strukturen steht dabei nicht im Vordergrund, da wir mit der beschriebenen Technik und einer vglw. progressiven Nachbehandlung bislang keine vermehrten Rezidivluxationen beobachtet haben. In einer eigenen Follow-up-Untersuchung über einen Zeitraum von 24 Monaten trat bspw. in keinem Fall eine erneute Luxation oder Subluxation der Patella auf [88]. Unser Ziel ist es, möglichst früh eine vollständige Beweglichkeit des Kniegelenks zu erreichen. Gleichzeitig erfolgt eine kontrollierte Steigerung der Belastung. Dass dieses Vorgehen sinnvoll sein kann, zeigt unter anderem eine Studie, in der traditionelle Rehabilitationskonzepte mit einer langsamen Steigerung der Beweglichkeit von 30° auf 90° innerhalb von 4 Wochen mit einem progressiveren Ansatz verglichen wurden. Dabei zeigte sich unter dem progressiven Rehabilitationsprotokoll eine frühere Wiederherstellung der Kniegelenksfunktion sowie eine geringere Muskelatrophie. Negative Auswirkungen auf die Patellastabilität wurden nicht beobachtet [95].
Nach einer kurzen Phase der Teilbelastung an Unterarmgehstützen über maximal 2 Wochen erfolgt bei uns frühzeitig eine schmerzadaptierte Aufbelastung des operierten Beines entlang der individuellen Schmerzgrenze. Parallel dazu wird eine funktionelle, nicht limitierende Knieorthese eingesetzt, die eine kontrollierte Steigerung von Belastung und Bewegungsumfang unterstützen soll. Die passive und aktive Mobilisation des Kniegelenks beginnt in der Regel bereits am Operationstag. Auf einer CPM-Motorschiene wird die Flexion entsprechend der Schmerzgrenze freigegeben. Eine zusätzliche Limitierung der schmerzadaptieren Beweglichkeitssteigerung hinsichtlich Extension oder Flexion empfehlen wir nicht. Daher verordnen wir hiefür regelmäßig eine Motorschiene, bei der die Beweglichkeit ohne Limitierung gesteigert werden sollte.
Hsu und Kollegen haben in einem aktuellen Konzeptreview hervorgehoben, dass insbesondere neuromuskuläre Trainingsprogramme eine wichtige Rolle bei der Prävention erneuter Instabilitätsereignisse spielen [34]. In unserem Behandlungskonzept stellt die frühzeitige Aktivierung der Quadrizepsmuskulatur einen zentralen Bestandteil der Rehabilitation dar. Daher verordnen wir ergänzend zur aktiven Physiotherapie auch ein EMS-Stimulationsgerät. Im weiteren Verlauf wird die Physiotherapie intensiviert und schrittweise durch propriozeptive Übungen sowie Koordinations- und Stabilisationstraining ergänzt. Im Rahmen der Rückkehr zum Sport beginnen wir in der Regel zunächst mit Lauftraining, bevor anschließend pivotierende Sportarten aufgenommen werden. Sportart spezifisches Training kann in der Regel nach etwa 10 Wochen wieder aufgenommen werden.
In unserer Patientenkohorte waren mehr als zwei Drittel der Patientinnen und Patienten vor der Operation sportlich aktiv. Von diesen konnten nahezu alle nach durchschnittlich 3–4 Monaten zu ihrer ursprünglichen Sportart und zur vollen Aktivität zurückkehren. Damit liegen unsere Ergebnisse im oberen Bereich der in der Literatur beschriebenen Rückkehrquoten zum Sport, bei denen die meisten Patientinnen und Patienten zu ihrem präoperativen Aktivitätsniveau zurückkehren [26, 34, 37, 46, 65, 71, 101]. Sicherlich ist für die MPFL-Plastik eine sorgfältige Indikationsstellung, bei der v.a. knöcherne Faktoren nicht außer Acht gelassen werden, wesentlich um zu entsprechend wertvollen Ergebnissen zu gelangen.
