Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026

Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL)
Wie erreichen wir konservativ, operativ und mit Physiotherapie gute Ergebnisse?Welche Vorteile bieten implantatfreie, ausbalancierte Techniken einer anatomischen MPFL-Plastik?

Die laterale Patellaluxation tritt besonders häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf [23, 88, 90]. Erste Luxationsereignisse treten häufig bei Drehbewegungen des Kniegelenks auf, bspw. bei fixiertem Fuß und strecknahen oder leicht gebeugten Kniepositionen. Dies geschieht in etwa 50–60 % der Fälle während sportlicher Aktivitäten, kann jedoch auch im Alltag auftreten [24]. Typische Situationen sind schnelle Richtungswechsel, ein Vertreten auf unebenem Untergrund, abrupte Stoppbewegungen oder Sprünge. Seltener entsteht eine Luxation infolge eines direkten Anpralltraumas, bspw. durch einen Schlag auf die Kniescheibe [80].

Die erstmalige Luxation ist in der Regel mit starken Schmerzen verbunden. Gelegentlich bleibt die Kniescheibe lateral des Femurkondylus verhakt, sodass sie unter Kniestreckung und manuellem Druck wieder in das Gleitlager reponiert werden muss. Eigene Studien sowie weitere Untersuchungen zeigen, dass bei der Erstluxation in der Mehrzahl der Fälle relevante Knorpelverletzungen und/oder osteochondrale Fragmente auftreten. Diese sollten, wenn möglich, refixiert werden [53, 90]. In über 90 % der Fälle kommt es zu einer Ruptur des kniescheibenstabilisierenden MPFL-Bandes [53, 77, 90] Am häufigsten findet sich bei Erstluxationen eine Ruptur am femoralen Ansatz (Abb. 1b,c). Darüber hinaus werden auch intraligamentäre Rupturen beschrieben, die dann meist femurnah im dorsalen, femoralen Abschnitt des MPFL liegen, sowie patellarseitige Rupturen [39, 68]. Das Verständnis dieser Pathomorphologie ist für die Therapieentscheidung von großer Bedeutung, da insbesondere femorale beziehungsweise femurnahe Risslokalisationen mit schlechteren klinischen Ergebnissen und erhöhten Raten an Rezidivluxationen assoziiert sind [77].

Die präzise Beurteilung der Rupturlokalisation einer MPFL-Verletzung ist wichtig für die Behandlung des Patienten. Eine besondere Verwechslungsgefahr besteht bzgl. des medialen patellotibialen Bandes, welches bei einer Kniescheibenluxation im MRT häufig eine Avulsion an seinem Ansatz an der unteren medialen Patella zeigt (Abb. 2 a,b). Diese klinisch schmerzhaften Avulsionen entsprechen keinesfalls einem patellaren Abriss des MPFL von der Kniescheibe, welches unserer Erfahrung nach bei diesem Verletzungsbild meist am Femur oder femurnahe gerissen ist. Das mediale patellotibiale Band ist für die Stabilität der Patella von geringerer Bedeutung. Dass die Verletzung des patellotibialen Bandes nicht zu operieren ist, zeigt bspw. eine Kadaverstudie, bei der dieses Band rekonstruiert wurde. Ein stabilisierender Effekt auf die laterale Dislokation der Kniescheibe konnte hierdurch nicht erzielt werden [4].

Kommt es zu wiederholten Patellaluxationen, wird das MPFL-Band fortlaufend geschädigt, sodass seine kniescheibenstabilisierende Funktion zunehmend verloren geht. In diesem Zusammenhang spricht man von einer Insuffizienz des MPFL-Bandes. Eine spontane Ausheilung ist in solchen Fällen in der Regel nicht mehr zu erwarten. Es entwickelt sich eine chronische Instabilität, die mit fortschreitenden Gelenkschäden einhergeht und langfristig in eine femoropatellare Arthrose münden kann [69, 70].

Bei der Therapieplanung einer patellaren Instabilität ist eine besondere Sorgfalt erforderlich. In mehr als 85 % der Fälle liegt eine knöcherne Fehlbildung des patellofemoralen Gleitlagers, die sogenannte Trochleadysplasie, vor [17, 40]. Dabei zeigt sich in den entscheidenden kranialen Schichtbildern eine Abflachung oder ein vollständiges Fehlen der knöchernen, stabilisierenden Funktion der Trochlea. Diese knöchernen Veränderungen stellen einen wesentlichen Faktor für die Instabilität der Patella dar. Ist das MPFL einmal geschädigt, ist es unabdingbar diese knöchernen Insuffizienzen zu berücksichtigen. Für eine korrekte Beurteilung einer Trochleadysplasie ist es entscheidend in den Schnittbildern ausschließlich die kranialen Gleitlagerschichten, in denen gerade noch der Femurknorpel ersichtlich ist, zu beurteilen. Werden stattdessen weiter distal gelegene Schichten beurteilt, kommt es zu fehlerhaften Einschätzungen mit falsch negativen Befunden. Dies birgt die Gefahr einer fehlerhaften Therapieentscheidung mit der Patientin bzw. dem Patienten.

Unter den knöchernen Fehlbildungen stellt die Trochleadysplasie den wichtigsten und häufigsten Risikofaktor für eine rezidivierende Luxation der Kniescheibe dar. Demgegenüber spielen ein Patellahochstand oder eine vergrößerte Distanz zwischen der Gleitrinne und dem Ansatz des Patellarsehnenbandes (Tuberositas tibiae–Trochlear Groove Distanz, TT-TG) sowohl hinsichtlich ihrer Häufigkeit als auch ihrer klinischen Bedeutung eine geringere Rolle [40]. Diverse Studien und Metaanalysen zeigen, dass höhergradige Trochleadysplasien vom Typ B–D berücksichtigt werden sollten, um Rezidivluxationen zu vermeiden und ein gutes klinisches Outcome sicherzustellen [8, 28, 60, 67, 85, 91].

Klinische Untersuchung

Wird die Patientin bzw. der Patient gebeten, das Bein aktiv zu strecken, erhält man einen ersten Eindruck vom Patella-Alignment. Gleitet die Patella kurz vor Erreichen der vollständigen Streckung – ähnlich einem umgekehrten „J“ – von der normalerweise geraden Bewegungsbahn nach lateral ab, gilt das J-Sign als positiv. Dieser Befund weist auf eine ausgeprägte Instabilität hin, die häufig kombinierte operative Verfahren erforderlich machen kann.

Klinisch sind spezifische Funktionstests in unterschiedlichen Beugegraden hilfreich, um die knöcherne und weichteilige Führung der Patella zu beurteilen. Eine Instabilität der medialen Bandstrukturen sowie eine Insuffizienz der knöchernen Führung lassen sich gut durch eine passive Lateralisation der Patella in unterschiedlichen Beugegraden bei locker hängendem Bein prüfen. Die Patella sollte bei 20° und 30° Kniebeugung nicht mehr als die Hälfte ihrer Breite nach lateral verschiebbar sein [84]. Liegt neben einer Insuffizienz des MPFL zusätzlich eine Trochleadysplasie vor, ist die laterale Translation der Patella nicht nur in strecknahen Positionen erhöht, sondern auch bei größeren Beugegraden zwischen etwa 30° und 60° (Abb. 1a).

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