Übersichtsarbeiten - OUP 03/2026
Ruptur des medialen patellofemoralen Ligaments (MPFL)Wie erreichen wir konservativ, operativ und mit Physiotherapie gute Ergebnisse?Welche Vorteile bieten implantatfreie, ausbalancierte Techniken einer anatomischen MPFL-Plastik?
Eine aktuelle Studie untersuchte den Einfluss psychologischer Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale auf das funktionelle Ergebnis des Kniegelenks sowie auf die Rückkehr zum Sport nach einer MPFL-Rekonstruktion. Dabei zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten mit geringerer Fokussierung und Rumination über Schmerzen sowie weniger Angst vor Bewegung (Kinesiophobie) nach der Operation eine bessere Kniefunktion aufweisen. Auch ein höheres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit) war mit besseren klinischen Ergebnissen verbunden. Patientinnen und Patienten mit ausgeprägter Bewegungsangst und verstärkter Schmerzwahrnehmung fühlten sich hingegen weniger bereit, wieder sportlich aktiv zu werden [66]. Die Berücksichtigung dieser Faktoren bereits vor der Operation kann dazu beitragen, die Rehabilitation individuell anzupassen. Ebenso wichtig ist ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Ärztin bzw. Arzt und Patientin bzw. Patient sowie das frühzeitige Klären offener Fragen. Ein stabiles Vertrauensverhältnis zeigt sich häufig durch eine offene Kommunikation, bei der bspw. nicht nur über Beschwerden, sondern auch über sensible Themen wie Ängste oder Unsicherheiten gesprochen wird. Auch aktive Fragen der Patientin bzw. des Patienten, der Wunsch nach gemeinsamer Entscheidungsfindung sowie positive nonverbale Signale wie Blickkontakt und eine entspannte Körperhaltung können auf ein gutes Vertrauensverhältnis hinweisen. Ich habe schon Patientinnen bzw. Patienten erlebt, bei denen ich den Eindruck hatte, dass die körperliche Untersuchung aufgrund einer Kinesiophobie erschwert und das Vertrauen nicht so recht aufzubauen war. Auch wenn Patientinnen und Patienten in solchen Situationen mitunter eine rasche operative Versorgung wünschen, kann es sinnvoll sein, einen weiteren Untersuchungstermin anzusetzen. In dieser Zeit kann die Ausgangssituation häufig verbessert werden, sodass eine höherwertigere klinische Untersuchung und gemeinsame Entscheidungsfindung besser möglich werden. Beispiele sind eine Motorschiene um die entspannte Beweglichkeit zu fördern, eine unterstützende, unlimitierte Orthese, um die Gangsicherheit zu verbessen, eine Physiotherapie im Sinne einer Prähabilitation oder einfach Informationsmaterial, um den Patientinnen und Patienten mehr Möglichkeiten zur aktiven Mitwirkung zu verschaffen. So bessert sich oft die Möglichkeit eine sichere Untersuchung durchzuführen, gemeinsam zu entscheiden und vertrauensvoll durch die postoperative Phase zu kommen. Dieses Vorgehen ist m.E. plausibel, da jeder Mensch unterschiedlich viel Zeit benötigt, um Vertrauen zu anderen oder zu ihren eigenen Fähigkeiten aufzubauen.
Diskussion
In der Literatur zur MPFL-Plastik werden persistierende Bewegungsdefizite und/oder vordere Knieschmerzen mit Häufigkeiten zwischen etwa 19 % und 50 % beschrieben. In einem Teil dieser Fälle kann eine Mobilisation des Kniegelenks unter Narkose erforderlich sein. Rezidivluxationen oder persistierende Instabilitätsbeschwerden werden ebenfalls berichtet, treten jedoch vergleichsweise selten auf [15, 16, 33, 36, 38, 50, 59, 64]. Unserer Erfahrung nach – und entsprechend der Einschätzung der Mehrheit der Autorinnen und Autoren – sind viele der beschriebenen Komplikationen auf OP-technische oder indikationsbezogene Faktoren zurückzuführen. Dies betrifft sowohl Bewegungsdefizite mit vorderen Knieschmerzen als auch die Entwicklung einer frühen Arthrose, erneute Luxationen oder persistierende Instabilitätsbeschwerden. Häufig liegen diesen Problemen Fehlindikationen zugrunde, wie bspw. nicht ausreichend berücksichtigte höhergradige Trochleadysplasien [19, 20, 47, 59, 82, 83].
Darüber hinaus können Schwierigkeiten bei der korrekten Spannungseinstellung des Transplantats eine wesentliche Rolle spielen [14, 19, 51, 52, 83]. Eine Übersichtsarbeit zur MPFL-Rekonstruktion von Chouteau stellte fest, dass eine erhöhte Transplantatspannung mit Flexionskontrakturen und Schmerzen zu den häufigsten Komplikationen gehört und betonte daher die Notwendigkeit von Techniken, die Probleme bei der korrekten Transplantatspannung verhindern [14]. Damit stellt die MPFL-Rekonstruktion die Herausforderung dar, nachdem einerseits eine ausreichende Stabilisierung der Patella zu erreichen ist und andererseits das Risiko einer Überspannung des Transplantats minimiert werden sollte. Dies erscheint logisch. Laut Literatur ist es bereits schwierig, den optimalen Flexionsgrad für die Transplantatfixation zu bestimmen, um eine physiologische Spannung zu erreichen. Feller et al. empfehlen bspw., das Transplantat bei einer lateralen Verschiebung der Patella von etwa einem Quadranten und bei 20° Kniebeugung zu fixieren [22]. Andere Autorinnen und Autoren bevorzugen eine Position zwischen 60° und 90° Kniebeugung, da in diesen Beugegraden möglicherweise eine genauere Positionierung der Patella im tieferen Bereich der Trochlea erreicht werden kann [13, 81]. Zusammenfassend werden in der Literatur Fixationspositionen zwischen vollständiger Streckung und etwa 90° Kniebeugung beschrieben [7, 46, 58, 79, 86]. Der optimale Flexionsgrad für die Transplantatfixation ist hiernach nicht abzuleiten.
Unsere Technik, bei der die Transplantatspannung und die Patellabewegung in Beugung und Streckung inkl. Quadrantentest unter temporärer Fixation getestet wird, stellt hier eine sinnvolle Lösung dar. Mit der Tiefe des Einzugs der Graftenden kann die Spannungseinstellung im Weiteren individuell angepasst bzw. ausbalanciert werden. Erst wenn einerseits das Weichteilalignement wiederherstellt ist und andererseits eine Überspannung mit erhöhtem Drücken hinter der Kniescheibe konsequent vermieden ist, erfolgt die permanente Graft-Fixation anhand der mit dem Knotenscheiber vorgeschobenen Halbschläge (Abb. 3k,l).
Ein weiterer Aspekt unserer Methode ist die Verwendung einer doppelschlaufigen Rekonstruktion (Abb. 3l). Zahlreiche Metaanalysen und vergleichende Studien berichten über bessere klinische Ergebnisse im Kujala-Score sowie über geringere Versagensraten bei doppelschlaufigen Transplantattechniken im Vergleich zu Techniken mit einfacher Transplantatkonfiguration [54, 63, 88, 92, 94]. Dies erscheint plausibel, da ein doppelschlaufiges Transplantat während der postoperativen Mobilisation – bspw. im Rahmen der Motorschienenbehandlung – mehr Spielraum hat, sich entlang des Patellagleitweges sowie innerhalb des femoralen Blindtunnels an die bestehenden Spannungsverhältnisse anzupassen und sich funktionell zu setzen. Dieser Effekt könnte ebenfalls zu den in unserer Serie beobachteten guten klinischen Ergebnissen beitragen.
